Mittwoch, 13. November 2013

Die Doppelte Sophia

Alles, was mit Schliemann zu tun hat, ist großartig, aber zugleich auch ein wenig peinlich bis klebrig. Monomanisch ließ er in der Erde wühlen, un(unter)(ge)brochen im Wahn, Literatur als Historie bestätigt zu sehen, dabei hat Homer das gar nicht nötig. Seine Vermögenserwerbe in Russland stempeln ihn zum Kriegsgewinnler, seine Unterredung mit dem US-Präsidenten ist letztlich unbedeutend, wenn sie denn stattgefunden hat. Sowohl in St. Petersburg, wie später in Athen kaufte er sich jeweils eine Ehefrau, wahrscheinlich hätte er unter heutigen Verhältnissen nur durch seinen Reichtum die Chance, Frauen anzubaggern, so vergnatzt, wie der aussieht. Lieber Heinrich, glücklich ist anders.


Mit Sophia, seiner griechischen Gemahlin, war er – nunmehr erlaubt – 1876 in Mykene tätig. Während Schliemann wenigstens ein kurzes Studium der Altertumswissenschaften in Paris vorweisen konnte, war Sophia nur des Homers kundig, also grub sie auch. Hier ist sie am Rande der Runde der Schachtgräber zu sehen, ein Bild das schon in dem Post von Pantalone „Fotografie, Druck und Zeichnung“ gezeigt wurde, auch diesmal bearbeitete er die Bilder. Dieses Bild ist in früher Netzzeit aus dem Beazlex-Archiv heruntergeladen worden, nunmehr wird dort alles mit Wasserzeichen versehen, das ist zu kurtz gedacht.


Um eine schöne, weil absurde, jedoch in der Sache nicht gänzlich abwegige These zu lancieren, sei verraten, Coco Chanel kannte dieses und das vorhergehende Bild. Der Entwurf der Jacke des berühmten Kostüms stammt von dem griechischen Schneider Dimitrios Papagianis, der damals weitläufiger Nachbar der Schliemanns in der Ermou-Straße war, nahe des Syntagma-Platzes. Er hat seine heimatliche ostthessalische Landestracht variiert. Coco verfeinerte es durch eine schmalere Bordüren, auch dies wäre Schöpfung genug. Beide Bilder sind entstanden, als in Vorbereitung kaiserlichen Besuchs der Photograph da war. Daher hat sie auch die neue Jacke an. Stolz zeigt sich Sophia am Tor des Schatzhauses, die Arbeiter (wer baute das siebentorige Theben?) stehen mit gehörigem Abstand im damals und bis in die 1960 Jahre noch oben offenen Schatzhaus der Klytemnästra.


Schliemann Leistung war die Hinwendung der Altertumswissenschaften zur Wirklichkeit außerhalb der Gelehrtenstuben. Daher schmückte sich die deutsche Archäologie mit ihm. Aber er zeigte auch, dass polyglotte Fähigkeiten nicht Weitläufigkeit bewirken müssen. Geradezu kümmerlich vermeint man ihn auf dem Panorama fast in der Mitte erkennen zu können. Dieses Bild ist neu, es ist aus den Teilen zweier Bilder zusammengesetzt, die – wo sonst auch – bei der HEIDI zu finden sind. Diese beiden Bilder sind wiederum jeweils aus zwei Bildern schon vor einem Jahrhundert zusammengefügt, es gibt ein linkes Drittel, ein rechtes Drittel und zwei unterschiedliche mittlere Drittel. Während bei den Aufnahmen sich keiner der anderen Menschen – schon wegen der längeren Belichtungszeit, aber auch wegen der kunstvollen Komposition der Darstellung – bewegen durfte, rauschte die Madame zwischen zwei Aufnahmen von der Mitte an die Seite vorn. Pantalone ist bekanntlich mein Antipode, seit dreihundert Jahre polemisiere ich vergebens über ihn und sein Handeln, von seinem Denken – schweigt man besser. Aber so eine gewisse Bosartigkeit schätze ich an ihm, so eben auch deren zwangsläufige Folge, dies Bild. Er hat die jugendliche Matrone zweimal auf dem Panorama, gleichsam als Belohnung für die Heirat mit dem Trockebrötche, wie man Heinrich in Südhessen bezeichnen würde. Sophia hatte die Fähigkeit zur Bilokalität.


„Und, Pantalone, was meinst Du?“

„Bosartige aller Länder vereinigt Euch!“   

Nachtrag:

Pantalone zwingt Dottore zu einer Korrektur, der er sich nicht widersetzen kann. Zudem hat er recht, man muss schon genauer hinsehen.

In dem Triptychon ist zum einen Madame Schliemann aus dem linken Bild gezeigt, es ist wohl die einzige reale Abbildung von ihr auf dem gesamten Panorama.

In der Mitte ist die Stelle zu sehen, die in dem Ausgangsbild gezeigt wird, aus dem der vorgehende Ausschnitt stammt. Dass man Menschen zwingt, einige Zeit still zu stehen wie die Ölgötzen, ist nachvollziehbar, aber Pferde tun dies nicht, es sei denn, sie sind für Hollywood-Western trainiert. Zu achten ist auch auf den Schatten, den der beim Schliemann´schen Umgraben verschonte Stein wirft.

Das rechte Bild versteht sich nun von selbst: Das Pferd hat seine Hinterbeine nicht bewegt, Madame Schliemann wirft keinen Schatten, nur wenn sie Schlemihl hieße, wäre es verständlich.

Ergo:

Die Annahme, die Gesamtbelegschaft habe sich zwischen den Aufnahmen nicht bewegen dürfen, ist falsch. Madame Schliemann stand während aller drei Bilder am gleichen Ort, ihre Bilokalität ist durch die Höflichkeit und Fähigkeit des Photographen bedingt; höflich, weil es das „schwere Fahrgestell“ der Madame diskret hinter dem Stein verbergen wollte, fähig, weil er die Folgen des Sonnenscheins, auch im Spätjahr, nicht bedachte.

Trotz der scheints naturgegebenen Abneigung zwischen Pantalone und Dottore sind sich beide einig, dass es zwischen ihnen zu genaueren Absprachen und gegenseitiger Information kommen muss. Wären sie „politisch korrekt“, so gäben sie vor, betroffen zu sein, aber es geht ihnen lauwarm am Arsch vorbei, insoweit also auch einig.   

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