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Samstag, 10. August 2019

Padova Freres 8


Wie vermutet, hat es fast zwei Jahre gedauert, bis Pantalone genügend Bilder der Brüder gesammelt hatte, um einen neuen Post erscheinen lassen zu können. Die Abgrenzung zwischen Fleiß und Besessenheit ist bisweilen schwierig: fleißig ist jemand, der gerne oder aus Pflicht eine bestimmte Tätigkeit hinter sich bringt, besessen, derjenige, der nicht anders kann. Die letztlich nicht zu leugnende, wenngleich häufig schmerzliche Nähe zu seinem Alter Ego macht es Dottore sehr schwer, Besessenheit zu leugnen.


Die Offiziere des Kreuzers „Demokratie“ hatten mit katholischen Schwestern sich zur Aufnahme gestellt, deren Hauben an die der Zwergnonne in dem wunderschönen Film von Fellini „Amarcord“ erinnern; ihr gelingt es bekanntlich, den Steine werfenden Onkel Theo aus dem Baum zu holen. Derartiges lag nicht im Sinne der Matrosen des Schiffes, die der spanischen Grippe entronnen waren, die auf ihrem Schiff grassiert hatte, sie freuen sich, davongekommen zu sein. Fast alle tragen den berühmten Bommel an ihren Mützen, der in Zeiten der Holzschiffe mit ihren niedrigeren Decks notwendig war, um bei unfreiwilligem Kontakt mit der Decke ärgere Verletzungen zu vermeiden.
Das Bild wird in neuer Nummerierung eingestellt; diese Nummerierung wird aus dem Lande übernommen, in dem die EDV vielleicht nicht geboren, aber doch hochgepäppelt wurde. Die Art der Nummerierung lässt es zu, dass die Bilder in chronologischer Reihenfolge erscheinen können. [Weltweit bekannt wurde diese Art der Kennzeichnung eines Tages anlässlich des Vorfalles, bei dem die USA in langer Tradition wieder zum Opfer wurden, was die nachfolgenden Kriege jeweils rechtfertigt – so meinen sie. War es in Havanna die „Maine“, in Pearl Harbour die „Arizona“, im Golf von Tonkin die "Maddox", so war es bei 9 -11 das Zentrum, das nach Gutsherrenart den Welthandel dirigierte. Je mehr Zeit nach den Vorfällen verstreicht, desto näher kommt man jeweils der historischen Wahrheit. Daher wird also Dottore nicht mehr erfahren, warum die amerikanischen Alarmstaffeln am 9. September nicht spornstreichs aufstiegen.]


Der Rabbiner aus Selanik ist zu Besuch kommen gekommen. Thessaloniki war nicht nur die Geburtsstadt von Atatürk, sondern in dieser Stadt konnten nach den Verfolgungen in Spanien und Portugal die sephardischen Juden leben, das osmanische Reich hatte sie aufgenommen; sie konnten sich dort solange entfalten, bis die schreckliche deutsche Gründlichkeit mitsamt ihrer penetranten Konsequenz ein erneutes Entkommen verhinderte. Der Angekommene wird von einem Pfadfinder empfangen, ein weiterer Rabbiner steht neben ihm, der Fez und die Uniform des Mannes mit dem Fernrohr irritiert, war fast 5 Monate nach der griechischen Invasion ein Teil der osmanischen Verwaltung noch tätig?


Der Rebbe steht im Passaport, das ist das auf dem nördlichen Pier des Hafens gelegene Passbüro, das in seinem landnahen Teil überkragend auf Eisenstützen steht. Um den Ort der Aufnahme noch eindeutiger zu identifizieren seien zwei Bild beigefügt. (Dottore erhofft so die Zufriedenheit des exzellenten Kenners der Kays von Smyrna, Georg P., erlangt zu haben, dem er die Kenntnisse der letzten drei dort stehenden privaten Häuser verdankt, und nun ein herrliches Buch über sie, dort S. 385 ff.).


Obwohl seit der Gründung der Pfadfinderbewegung in Großbritannien nur 12 Jahre vergangen waren, gab es in Smyrna 1919 schon griechische, armenische, italienische und eben israelische Pfadfindergruppen. Ob sie gelegentlich als „fünfte Kolonne“ der jeweiligen Ethnie agierten, ist wohl anzunehmen, der Missbrauch organisierter Jugendliche zu politischen Zwecken war schon vor der HJ nicht unüblich. Hier nun empfangen die israelischen Pfadis den Rabbi Teitelbaum aus New York, der Mitglied eine Dynastie ist, in der sich bis heute diese Funktion von Vater auf Sohn vererbt. Ein Glück für die Katholische Kirche, dass sie den Zölibat eingeführt hat.


Der Begrüßungsort steht wiederum fest: Es handelt sich um den Platz vor den Häusern zwischen dem Grand Hotel Huck und dem Grand Hotel des Londres, dessen schäbig wiederhergestellte Fassade die alte Pracht wenigstens erahnen lässt. Die aufsteigenden Fahnenmasten und die herabhängenden Markisen bezeugen es (aaO S. 393 bis 403).


Embedded ist kastriert, wenigstens bei Journalisten. Die Brüder Boissonnas besuchten 1919 Smyrna, während Frederic brave Bilder produzierte, die an seine in Griechenland gemachten nicht heranreichen, kroch sein Bruder Henri-Paul in Begleitung des Schweizer Oberst Feyler den Besatzern mit seinen Photos in den Arsch. Nicht zu Unrecht werden die Produkte der Padova Freres in der heutigen Türkei als Teil der griechischen Propaganda während der Okkupation angesehen. Die Soldaten machen kein Manöver, sondern haben sich im Hofe einer christlichen Stätte (wegen der Glocken) versammelt, das martialisch aufgepflanzte Bajonett inmitten der Menge ist sträflich fahrlässig – drei Tage Arrest!
Die angebliche Männerfreundschaft zwischen Venizelos und David Lloyd George scheint noch zu bestehen, wieder ist ein britisches Kriegsschiff, der Zerstörer HMS Tilbury, auf Reede in Smyrna. Dass Venizelos schamlos und schäbig benutzt wurde, ist ihm (und bis heute den Griechen) wohl nie aufgegangen. Man verheizt keine Freunde und deren Volk. Auch GROẞE IDEEN vernebeln das Denken (endlich einmal die Gelegenheit, ein großes SZ, also ein ẞ im Gegensatz zum ß, zu benutzen [im Vertrauen: Es sieht scheußlich aus!]).
In der ansonsten so präzisen, wie politisch neutralen Website „Levantine Heritage“ wird das Bild von den Padova Freres der italienischen Truppenspitze nahe Ephesos wie folgt betitelt:  Italian troops in Ephesus (in reality it is probably the Scala Nova region to the south), 10-6-19-part oft he international contingent oft he Allied occupation of the Smyrna region.
Das ist nicht nur falsch, sondern auch geschichtsklitternd und verräterisch.
In dem Post Padova Freres 2 ist ausgiebig und mit Unterlagen dargelegt worden, wo genau Padova Freres die von Antalya nach Norden vorstoßenden italienischen Truppen erstmals fotografierten, nämlich im Schwemmland des Kücük Menderes, östlich vor dem Streckenstück, wo sich heute die D 515 parallel des Flughafens entlangzieht. Der Hintergrund mit dem „Paulusgefängnis“ ist eindeutig. Südlich von Kusadasi gibt es kein solch flaches Land, zudem wäre dort bei einer Aufnahme im Hintergrund das Mykalegebirge zu sehen. Die Bemerkung in Levantine Heritage ist hinsichtlich der Ortsangabe (oben in Klammern gesetzt) also schlicht falsch. Übrigens: Man kann auch Websiteeinträge berichtigen.
Verstörender sind jedoch die weiteren Ausführungen, die ein „Internationales Kontingent der Alliierten Besetzung der Region Smyrna“ erfinden, das es nie gegeben hat. Großbritannien - in der Person des damaligen Premierministers, David Lloyd George, - und Frankreich trachteten damals danach, der Begierde ihres späten Alliierten Italien auf Landgewinn in Kleinasien Grenzen zu setzen. Daher nutzten sie die wahnhafte Vorstellung des noch späteren Alliierten Griechenland von der Wiederherstellung des byzantinischen Reiches – megali idea genannt – aus, wobei in Verkennung der politischen Lage in England der griechische Premier auf seine Männerfreundschaft mit seinem britischen Kollegen setzte. Es kann schon daher kein Kontingent „der Alliierten“ gegeben haben, weil die Besetzung eben ein Akt gegen einen Mitalliierten war. Die anfänglichen Unterstützer der griechischen Eskapade waren lediglich Frankreich und Großbritannien, die Hilfe bestand in finanziellen Zuwendungen und Absicherung zur See; die USA, mittlerweile der europäischen Dauerquerelen müde, duldeten das griechische Vorgehen allenfalls. Besetzt wurde die immer größer werdende Region um Smyrna allein von griechischen Truppen – mit Hilfe griechisch-orthodoxer Untertanen des Sultans, die rein strafrechtlich gesehen Hochverrat begingen.
Das Ganze war ein völkerrechtswidriges Vorgehen, die Vereinbarung über den Waffenstillstand von Mudros vom 30. Oktober 1918 lautete auszugsweise:
VII.—The Allies to have the right to occupy any strategic points in the event of any situation arising which threatens the security of the Allies.
Die politischen Machenschaften der beutegierigen Alliierten untereinander berührten gegenüber dem Osmanischen Reich nicht „ihre Sicherheit“; genauso verhielt es sich den seit Jahrzehnten geübten Beeinträchtigungen der christlichen Untertanen innerhalb dieses Restreiches, so scheußlich, verwerflich und verbrecherisch diese auch waren, die Sicherheit der Alliierten wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Im Übrigen waren sie auch an deren Beendigung nicht sonderlich interessiert, ihr Blick war fokussiert auf Erdöl und Landgewinn. Der Vertrag von Sevres war zum Zeitpunkt der Besetzung noch nicht unterzeichnet, er ist auch mangels Ratifizierung nie in Kraft getreten, kann daher nicht die rechtliche Grundlage der Okkupation gewesen sein. 
Warum also wird in Levatine Heritage die Unwahrheit verbreitet von Leuten, die die Wahrheit kennen und nicht Trump heißen? Es wird daran liegen, dass die Vergangenheit der Levantiner mehr und mehr von Griechen erobert wird. Diese waren keine Levantiner, also römisch-katholische Angehörige westeuropäischer Staaten und Regionen (Italiener, Franzosen, Malteser), die – durch besondere Vereinbarungen geschützt (Kapitulationen) – im Osmanischen Reich lebten, sondern die Griechen waren schlichte osmanische Untertanen, allerdings mit griechisch-orthodoxer Religion (also Rumi). Auch ist es eine bei diesen Ewig-Gestrigen beliebte Mär, der vereinbarte Bevölkerungs-austausch von 1922 habe eine 3000jährige Besiedlung Ionien zerstört. Fast alle Griechen in der kleinasiatischen Ägäisküste waren im 16. und 17. Jahrhundert ob der Übervölkerung der ebenfalls zum Osmanischen Reich gehörenden Inseln auf das östliche Festland umgesiedelt, was ihre Vertreibung kaum weniger schmerzlich macht. Aber so kann man sich richtig schön im Opferdasein suhlen. Masochisten aller Länder vereinigt Euch!


Immer elegant sahen die italienischen Offiziere aus, der zweite links verdeckt mit Kopf und Mütze den Kopf des jungen Umberto, der seinen 15. Geburtstag feiert. Er durchläuft gerade seine „militärische Ausbildung“, die ihn innerhalb von vier Jahren – zwischen dem 14. und dem 17. Lebensjahr – zum Armeegeneral katapultierte. Auch später war er ein hurtiger Mensch, 40 Tage im Jahre 1946 reichten ihm als König aus.


Im feinen Smyrna sammelt man für die armen Flüchtlinge aus Aydin. Dort stieß der griechische Vormarsch auf Widerstand, irreguläre Verbände der überwiegend türkischsprechenden Bevölkerung waren mit der Einverleibung nicht einverstanden. Beide Seiten ließen ihren Unmut an den zivilen Mitgliedern der Gegenethnie aus, ein Vorbote des gegenseitigen Abschlachtens (der Anfang war wohl durch die späte Landung griechischer Gendarmerie in Izmir begünstigt worden).
An der Kirche der Dominikaner als italienischem Brückenkopf  in Smyrna wird die italienische Fahne zu Weihnacht 1919 gehisst. Diese Manifestation der Verknüpfung von Religion, Machtgier, Nationalismus und Imperialismus kann Dottore als getreuer Photohistoriker dem Betrachter nicht ersparen, es sind eben auch die harmlos aussehenden Bilder abscheulich.


Da will die Grande Nation nicht zurückstehen, auch sie verkleidet ihre Aneignungsgelüste mit der Soutane. Kardinal Dubois, noch nicht Erzbischof von Paris, besucht während des Februars 1920 im Rahmen einer „Französischen Mission“ erst Konstantinopel (linkes Bild), dann Smyrna. Über die Hintergründe der Reise und die Aufgabe der Mission kann spekuliert werden.


Warum der jüdische Photograf, der sich hinter Padova Freres verbirgt, die religiös vermummten Agenten Frankreichs so intensiv dokumentiert, kann Dottore nicht beantworten, jedenfalls könnten die ersten beiden Offiziere auf dem linken Bild Italiener sein, der dritte (alle von links gesehen) ein französischer Marineoffizier. Rechts sieht man den Kardinal mit seiner Entourage in Arbeitskleidung.


Aber die fast schon peinliche Anpassungsbereitschaft der Padova Freres geht weiter: Als der vom Affen gebissene König der Griechen ob dieser Verwundung starb, entfaltete dieser klerikal-nationalistische Staat ein Pompbegräbnis, wobei der Photograf zu dieser Gelegenheit die Ägäis kreuzte. Die Bilder sind in solch geringer Datenmenge zu Pantaleone gelangt, dass dieser sie auf ein optisch erträgliches Maß einschrumpfte. Also mehr Ahnung als Erkennen.


Das Tal des Mäanders ist  als Folge des früheren Vulkanismus mit Thermalquellen reich ausgestattet, die anderenorts zur Energiegewinnung genutzt werden. Das Baumwollschloss dagegen wird als Besuchermagnet gepflegt, obwohl die Kalksinterterrassen den Drang haben, zu ergrauen und damit unansehnlich zu werden. So ist es die Aufgabe des Quellenmanagements, durch ständig wechselnde Wasserführung das Weiß der Terrassen durch Neuüberkrustung zu erhalten. Die dunklen Streifen auf dem Bild geben die „Alt“terrassen wieder, die damals entstanden waren. Pantalone meint, dass Dir auch nichts heilig ist!


Seit mehreren Jahrzehnten hat die deutsche Wissenschaft das Wort „Kontext“ entdeckt. Eine Übersetzung käme zum deutschen Wort Verwobenheit. Aber, das wäre zu klar und klingt altbacken. Lieber spricht man von der Verkontextualisierung eines Sachverhaltes, was jedoch nicht nur abscheulich klingt, sondern auch gequälte Scheiße ist. Die Amerikaner, die das Geschäft der Kontextualisierung schon länger betreiben, sind ihrer schon bisweilen überdrüssig. Dem schönen Bild von Sander wird daher dessen Karikatur gegenübergestellt. Jedoch ein bißchen verweben, schadet nicht, bei Bildern öffnet es die Augen.


Das Flugzeug auf dem Bild rechts, das neben der anatolischen Nachtigall den technischen Fortschritt der Griechen gegenüber den asiatischen Eingeborenen verkörpern soll, könnte eine Halberstadt D V sein. Von diesem, ab Mitte des WW I technisch überholten Flugzeug wurden einige an die osmanische Fliegertruppe geliefert, wo sie bis Kriegsende hauptsächlich in Palästina im Einsatz blieben. Der deutsche Archäologe Theodor Wiegand war als Hauptmann in dem Türkisch-Deutschen Denkmalschutzkommando tätig. Dabei veranlasste er auf dem Rückzug 1918, dass die archäologischen Stätten in Ionien überflogen und fotografiert wurden, die Bilder sind im DAI Archiv in Berlin, wo Dottore sie selbst gesehen hat. Auch Smyrna wurde aus der Luft aufgenommen. Bei dem abgebildeten Flugzeug könnte es sich also um eine entsprechende „Beutemachine“ der Griechen handeln.
Jedoch könnte es auch sein, dass es sich um eine Aufnahme vor Oktober 1918 handelt, zumal die Uniformen eher an deutsche, denn an griechische oder englische erinnern. Die Mützen der am Propeller stehenden Militärs ähneln stark den deutschen Käppis. Auch gehörte der Tropenhelm zur Ausstattung der im Osmanischen Reich tätigen deutschen Korps. Der Soldat am rechten Bildrand der Aufnahme links sieht auch „deutsch“ nach seiner Kleidung und seiner paternalistischen Haltung aus. Padova Freres tauchen als Photostudio 1918 auf, ob ihre Tätigkeit von dem Abschluss des Waffenstillstandsabkommen abhing, erscheint doch zweifelhaft.


Zum Zwecke der Aufnahme wurde der Shalwar tragende Bauer veranlasst, seinen Ochsenkarren mit Scheibenrädern neben dem Flugzeug anzuhalten. Ach, wie fortschrittlich sind wir westlich orientierten (in der Worte Ausgangsbedeutung eine contradictio in adiecto) Menschen doch, wie überlegen ist unser Fortbewegungsmittel! 
Auf der rechten Aufnahme ist dagegen der auf der anderen Seite der Ägäis aufgenommene Ochsenkarren ein liebenswerter Rückgriff auf die gute, alte Zeit. Der in der Mitte stehende Alte mit Fustanella ist rüstig, sein auf dem Karren stehender Sohn in Hosen folgt willig seinen Anweisungen, am Rand tappert der Opa herum. Der Telefonmast deutet auf grundsätzlich vorhandene Fortschrittlichkeit hin.
Beide Aufnahmen, die linke von Padova Freres, die rechte von Frederic Boissonnas, wurden zu ungefähr gleicher Zeit gemacht, die linke ist diffamierend, der rechte herzig. Wie sagte schon Mörike: Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden.

Mittwoch, 21. November 2018

Das ist der Unterschied!


Jeder Mensch durchläuft nach seiner Geburt eine Ausrichtung an Normen. Da sind vor allem die Normen der physischen Welt, die Naturgesetze. Das biologische Geschehen des Stoffwechsels bringt die erste Kontaktaufnahme des Säuglings hervor, hat er Hunger, dann schreit er. Einige Zeit später ist es das physikalische Phänomen der Gravitation, das in der Form der Erdanziehung hier regiert und den aufrechten Gang schon im tatsächlichen Sinne schwer macht. Bei einem Verstoß lernt das Kleinkind rasch, weil bisweilen schmerzhaft, dass es einen Reibungswiderstand gibt. Allen Naturgesetzen ist eigen, dass sie jeden Verstoß unnachgiebig ahnden, alles wird sanktioniert. Gnade gibt es nicht.

Komplizierter sind dagegen die gesellschaftlichen Normen, da sie in ihren Folgen abgestuft sind. Vorab sind es Verhaltensnormen, die dem Kind andressiert werden („das macht man nicht!“), später dann durchsetzt mit allgemeinen Gesetzen, die auch die Eltern befolgen müssen, zum Beispiel die von den Ländern erlassenen Schulpflichtgesetze. Fast immer „wächst man in die Normen herein“, ohne sie genauer zu kennen geschweige denn, sie jemals gelesen zu haben. Soziale Normen sind in den jeweiligen Gesellschaften sehr unterschiedlich, schon die körperliche Nähe zu einem anderen Menschen variiert, die Distanz ist in England erheblich größer als in den Ländern am Mittelmeer. Aber überall ist es so, dass die Menschen diejenige Normsozialisation, die sie durchlaufen haben, für das halten, was eben „normal“ ist. Es bedarf der ununterbrochenen Reflexion, um in anderen Zivilisationen nicht anzuecken.

Die Globalisierung bringt nun einiges durcheinander. Schon immer musste man sich in der Fremde gegenüber den Naturgesetzen so verhalten, wie man es gelernt hatte, aber bei den gesellschaftlich vermittelten Normen war das anders: Die bisher eigenen, antrainierten Normen musste man so weit beibehalten, wie sie nicht im Widerspruch zu denen der neuen Umgebung standen, die aber waren teilweise anders, manchmal sogar verstörend, fast immer irritierend. Langsam und mit erheblicher Vorsicht gelingt es meistens, sich in die fremde Normenlandschaft einzugewöhnen. Jedoch ist nicht nur der Wechsel des Aufenthaltsorts notwendig, um Normenkonflikte loszutreten.

Mohammed bin Salman al-Saud ist als Prinz aufgewachsen, er durfte fast alles, bei Tötung gab es ein festes Reglement, mit 500 Kamelen war fast alles wieder gut zu machen. Nun wähnte er sich im Kreise der übrigen Gewaltherrscher, muss aber feststellen, nur das Öl unter seinen Füßen bewahrt ihn vor weiterer Empörung und möglichen Sanktionen. Er wird alsbald auf der G-20 Konferenz die anderen Großkopferten fragen können, warum nicht auch er Herr über Leben und Tod anderer Menschen sein kann (deren Handlungsweise war an dieser Stelle vor kurzem in dem Post „Was ist der Unterschied?“ behandelt worden). Die werden ihm dem Sinne nach sagen, was man eben den kleinen Kindern vorhält: „Das macht man nicht!“ Im Vertrauen äußern sie dann: „Man lässt jemanden töten, aber nicht abschlachten, Dir hängen die orientalischen Eierschalen noch an der Kufiya!“ 

Tip von Dottore an den Prinzen für die Beseitigung des nächsten missliebigen Menschen:
1.      Einholung einer Fatwa, dass diese Kreatur nicht weiter leben darf.
2.      Gelinder Protest der Regierung dagegen, der Obermufti bestätigt jedoch das Urteil.
3.  Warnung an den Menschen über offizielle Kanäle, leider gäbe es in außersaudischen Ländern Hitzköpfe. Man bietet sogar eine Leibwache an.
4.   Einem nicht so sehr missliebigen Staatsbürger wird über kurzen Draht - um die Zahl der Mitwisser klein zu halten - bedeutet, dass er der Gnade der Führung wieder teilhaftig werden könne, wenn er sich an die Fähigkeiten der Assassinen erinnern und entsprechend handeln würde.
5.   Nach dem Geschehen wird dem Täter ein Lebensabend bereitet wie seinerzeit Idi Amin.

Der wirkliche Rat von Dottore sieht aber anders aus, weil er dialektisch ist: Lebenlassen, aber beobachten. Der Kritiker von heute ist der geeignete Vasall von morgen. Das ist zynisch, erspart aber Ausgrenzung, ist schlau, weil berechnend, bringt kurzfristig moralische Vorteile, langfristig größere Sicherheit. 

Aber der Bub aus Riad muss eben noch lernen!   

Donnerstag, 15. März 2018

Was ist der Unterschied?

In einem Land beschließt der Präsident auf Vorschlag von ihm zuarbeitenden Geheimdiensten einen Menschen ohne Gerichtsverfahren töten zu lassen. Nun gibt es Unterschiede:
                                                       
                                                    Land A                                                Land B

Ort der Tötung                       Arabische Wüste                                Salisbury

Art der Tötung                       Drohnenüberfall                                 Attentat

Opfer                             Zum Terroristen erklärt                  Ehem. Geheimdienstler

Nationalität                          Fremde Nationalität                         Früher eigene

Tatwaffe                                Sprengstoff                                         Nervengas

Aufmerksamkeit                   Gering                                                 Riesig
der Presse


Im 19. Jahrhundert haben sich Männer um Frauen gestritten, auch mit Waffen. War ein Ritual eingehalten und die Waffe langstielig, dann war es ein Ehrenhändel, war die Waffe kurz, dann war es eine Messerstecherei. Die Betrachtung der Tötung eines Menschen hängt davon ab, wer wen wie warum umbringen lässt. Veranlasst das ein Präsident des Landes A, dann wird das von der Bundeskanzlerin begrüßt wie im Falle Bin Laden. Macht dies ein östlicher Untermensch, das ist das ein verabscheuungswürdiges Verbrechen.

Dottore ist zu simpel, es ist für ihn völlig unerheblich, ob der Mörder zuvor Nobelpreisträger oder Geheimdienstmitarbeiter mit Deutschkenntnissen war, Mord ist Mord.  




Dienstag, 25. Juli 2017

Unfähige Situngsvertreter der Bundesanwaltschaft in München

Treffen sich zwei befreundete Rechtsanwälte, die in einem Zivilrechtstreit gegnerische Parteien vertreten. Sagt der eine: „Bitte entschuldige den letzten langen Schriftsatz, ich hatte leider keine Zeit!“

Diese uralte Geschichte gibt eine Grunderfordernis juristischer Arbeit wieder, nämlich sich präzise und prägnant auszudrücken. Dies ist wiederum nur möglich, wenn man die Fülle der Tatsachen genau strukturiert hat, also sich nicht im Dschungel der Einzelheiten suhlt bzw. auf diese nur dann eingeht, wenn es entscheidend ist. Anwaltliche Arbeit ist in der Hauptsache die Aufarbeitung einer Faktenfülle unter Berücksichtigung rechtlicher Gesichtspunkte, damit dem Beurteilenden die Tatsachen so vorgeführt werden, dass er diese in gewünschter Hinsicht rechtlich würdigt – subsumiert. Insoweit besteht kaum ein Unterschied zwischen rechts- und staats- anwaltlicher Arbeit. 

Die Vertreter der Bundesanwaltschaft wollen im Prozess in München 22 Stunden plädieren. Wenn man voraussetzt, das man zum Verlesen einer mit 56 Zeilen beschriebener Seite zwischen 3 und 5 Minuten braucht, so sind die Sitzungsvertreter bislang nicht in der Lage gewesen, die entscheidenden Tatsachen nebst der notwendigen Beweiswürdigung des 4-jährigen Prozesses zu erkennen und aufzubereiten. Der Jurist Goethe sagt im West-Östlichen Diwan: „Getretener Quark wird breit, nicht stark!“ Ungefähr 300 Seiten Plädoyer sind Zeugnis der Unfähigkeit, nicht des Scharfsinns der Vertreter der Anklagebehörde.

Darüber hinaus überschätzen die Agierenden die Wirkung des Plädoyers im Allgemeinen im deutschen Strafprozess und übersehen die einschläfernde Wirkung einer solchen Suada im Besonderen.

So scheint das Vorhaben der Sitzungsvertreter das Ergebnis einer beamtenmäßigen Sicht der Angelegenheit zu sein, ängstlich darauf bedacht, auch „ja alles gesagt und betont zu haben“. Dottore hatte sich die Institution der Bundesanwaltschaft souveräner vorgestellt., wieder eine Illusion weniger. 

Montag, 5. September 2016

Mustafa OLTM

Wer sich mit Bildern beschäftigt, die aus Smyrna, heute Izmir, stammen, stößt alsbald auf einen etwas unbedarft in die Kamera schauenden Menschen, von dem es heißt, er sei ein reicher Kaufmann aus Smyrna.


Der Hersteller dieser Postkarte, der in Konstantinopel tätige Verleger Max Fruchtmann, verrät uns nicht, warum ein begüterter Kaufmann aus Smyrna ein Gewehr in der Hand halten muss, einen Säbel, einen Dolch und eine Pistole im Bund hat, darüber ein Deckchen trägt und zudem noch in der linken Hand eine lange Pfeife. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Kaufleute, auch wenn sie türkischer Herkunft waren, in der faktischen Hauptstadt der Levante nicht so verkleidet.


Hinter dem Namen bedeutender englischer, besser britischer Menschen kann man häufig einzelne große Buchstaben finden, sie lassen erkennen, der Inhaber des Namens ist zugleich Inhaber eines Ehrentitels, die Aristokratie feiert fröhliche Urständ. Was hat es nun mit Mustapha OLTM auf sich? Nein, es ist nicht ein Mitglied eines königlichen Beratergremiums für die Suche nach Eichen für königliche Barken, bei der abgebildeten Person handelt es sich auch mitnichten um einen reichen, aus Smyrna stammenden Kaufmann, sondern es ist Mustafa, Osmans Last Top Model.


Die Situation der in Smyrna lebenden Levantiner und der diese Stadt besuchenden europäischen Reisenden war dadurch geprägt, den Ort zugleich als letzten Vorboten Europas wie auch als erste Stätte des weiten Asiens zu betrachten. Die dort lebenden, ihre Vorfahren nicht aus Europa herleitenden Bewohner waren nach der Überheblichkeit des 19. Jahrhunderts „Eingeborene“. Solche Eingeborenen musste man dann präsentieren, wenn es darum ging, anderenorts zu zeigen, in welch ferne Gefilde man sich schon vorgewagt hatte. So also gingen die Reisefotografen daran, die nun für solche Zwecke Postkarten herstellten oder die Vorlagen dazu, Bilder aufzunehmen, die dem gängigen Klischee entsprachen.


Wenn man nur ein wenig weiter sucht, so findet man jenen „reichen Kaufmann aus Smyrna“ nun als „Mustafa mit seiner Pfeife“, wobei er in seiner linken Hand ein Gerät hält, dass zum Rauchen von Cannabisprodukten geeignet scheint. Auch andere Postkartenherausgeber fanden, „Mustapha mit seiner famosen Pfeife“ sei ein gut verkäufliches Postkartenmotiv, zudem wird er noch als exzentrischer Mekka-Pilger ausgezeichnet. Da die Üblichkeit bestand, einander die Motive zu klauen, starrt uns Mustafa in unterschiedlicher Verkleidung immer wieder an, hier noch mit seiner famosen Pfeife, dann mit seinem Stock (nunmehr weiß gewandet) und schließlich gar als Radfahrer, wobei sich jedem aufmerksamen Betrachter die Frage aufdrängt, wie kann Mustapha verhindern, dass die Trotteln seines Hosenbandes in die Kette geraten.



Ein wirklich reicher Kaufmann, zudem Muslim, hätte sich für kein Geld der Welt so schäbig abbilden lassen. Mustafa ist also ein beliebtes Fotomodell für die Reisefotografen des 19. Jahrhunderts gewesen, wenn sie eben etwas “Landestypisches“ darstellen wollten, fraglich bleibt dabei, ob das Fahrrad damals wirklich ein übliches und häufig benutztes Verkehrsmittel in Smyrna war.

Das Deutsche Archäologische Institut, Zweigstelle Istanbul, hatte vor Jahrzehnten eine gute Idee, es erwarb das Archiv des Fotoateliers Sebah & Joaillier, darunter befand sich die Uraufnahme jenes reichen smyrniotischen Kaufmannes. Nun ist das DAI ein staatliches, wird nämlich fast nach seiner Gründung aus Steuergeldern getragen, was als Kulturpolitik ein vernünftiges Unterfangen ist; gegenwärtig scheint es allerdings so, dass es zu sehr in die Fänge der Politik geraten ist, die es zu einem Werkzeug der deutschen Außenpolitik machen wollen, was dadurch leicht möglich ist, da das DAI beim Außenministerium ressortiert.


Die schädlichen Folgen solcher anderweitigen Beschäftigung verbunden mit der unsinnigen Verbindung von Forschung und Verwaltung ist sicherlich eine der Ursachen dafür, dass Norbert schon über acht Jahre, Robert schon fast vier Jahre auf die Druckerlaubnis warten. Denn ist es so, dass bestimmte Bücher im Wissenschaftsbereich mit kleinen Auflagen nur dann gedruckt werden können, wenn es einen Zuschuss gibt. Zugleich kann das DAI seine immense Bedeutung für die Kultur dadurch unter Beweis stellen, dass es Publikationsreihen unterhält, in die dann solche Werke aufgenommen werden. Aber, ach, es gibt so viel zu bewältigen, Norbert und Robert werden noch lange Zeit warten müssen, früher nannte man so etwas schlicht Schlamperei, jede andere Bewertung ist euphemistisch und unangemessen.


Im Laufe der weit über 100 Jahre andauernden Tätigkeit hat das DAI nun Archive und Bibliotheken angehäuft, wobei es sich allerorten immer mehr eingebürgert hat, die eigenen Bildbestände zu schützen. Und siehe da, Mustafa taucht wieder auf, nun – in urheberrechtliche Ketten geschlagen – wieder als reicher Kaufmann aus Smyrna, allerdings unter Wahrung dessen, was man dort so als Urheberrecht versteht, also mit bräsigen Wasserzeichen verhunzt. Dass Mustafa so gezeigt wird, wie er von den geschäftstüchtigen Fotografen ausstaffiert und sein Bild beschriftet wurde, ist auf mangelnde Sachkenntnis zurückzuführen, aber das soll nicht weiter verwundern. Ein eigener Posten für die Wahrung des wirklichen oder vermeintlichen Urheberrechtes ist beim DAI eingeführt worden, wobei der gegenwärtige Inhaber sich nicht durch juristische oder wirtschaftliche Sachkenntnis auszeichnet, sondern ein ausgewiesener Sachkenner der Landschaft des südlichen Griechenland es ist. Irgendwo muss man die Leute doch unterbringen und dann beschäftigen.


Von Mustafa gibt es nur noch eine zweite Aufnahme, die vollends überdreht ist. Er hat nun seine Donnerbüchse abgelegt und stattdessen ein Tässchen Kaffee in der Hand, so als wolle er die Leitfigur in Mozarts Kanon verkörpern: C-A-F-F-E-E … . Kein Schütze, der mit einem Gewehr umgehen kann, würde sein Gewehr so flach hinlegen, kein Türke würde seine Kaffeetasse neben seinen Schuhen auf den Boden stellen, zudem kann sich Mustafa gar nicht so weit hinunterbücken, da ihn das zum Zwecke des Fotografierens aufgedrückte Gelersch vor dem Bauch daran hindern wird. Es ist also eines jener üblen, falsch arrangierten Bilder, diese Urteil trotz der grundsätzlichen Geneigtheit von Dottore für Sebah & Joaillier, von der Schwärmerei Pantalones ganz abgesehen.


Aber nicht nur das DAI reklamiert nun Mustafa für sich, sondern auch jenes Unternehmen, das aus dem Nachlass des Herrn Getty erwachsen ist, erheischt die Rechte an dem Bild. Der einzige Unterschied besteht darin, dass das Kaffeetassen-Bild von Getty Images in sepia gehalten ist, während das DAI die schwarz-weiße Version präsentiert.


Nun, das lässt sich ändern, die Frage bleibt nun, wem gebührt nun das unwahrscheinliche Urheberrecht an diesem Bild?


Man kann sie miteinander kombinieren, also in das etwas größere Bild – in sepia gewandelt – das Gettybild hineinkopieren, dann streiten sich die beide um die Fetzen. Man kann aber auch Ordnung schaffen, also dem Mustafa erst mal die Flinte von dem Staffagefelsen wegnehmen und ordnungsgemäß an die Wand lehnen. Dann gibt man dem Ganzen noch einen schönen warmen Sepiaeton und behauptet in weiterer rüder Usurpation, das Bild sei nunmehr mit dem Urheberrecht von Pantalone & Joallier, wobei die Fähigkeit, Bilder zu bearbeiten ein höheres Maß an Aneignung begründen kann als das schlichte Scannen von Vorlagen.

Und so lebt denn Mustapha weiter in einem ewigen Urheberhickhack, das hätte er sich nie träumen lassen.


Mittwoch, 20. Juli 2016

Eitelkeiten verhindern Katharsis

Da spiegelt eine Frau sich und der Allgemeinheit vor, eine qualifizierte Ausbildung hinter sich gebracht zu haben einschließlich einer entsprechenden Berufspraxis. Dottore ist in diesem Fall zynisch, er neigt der Ansicht zu, man lerne nach dem ersten juristischen Staatsexamen in der Folgezeit sowieso nur zwei Dinge: Einmal das richtige Zitieren von Aktenzeichen, zum anderen –  im Bereich des früheren Preußens – wie man ein Blatt einer Akte so faltet, dass es bei einem Aktenvortrag rasch und sicher zum Zwecke des Vorlesens einer wichtigen Passage gefunden werden kann (sog. „Preußischer Aktenkniff“). Beides weist einen als zugehörig aus, man ist in der Kaste der Volljuristen angekommen, zumindest aber auf dem Weg dorthin. Je weiter diese Frau nun auf der Leiter der Karriere emporstieg, umso schwieriger, fast unmöglich wurde es für sie, zur biederen Wahrheit zurückzukehren. Wendet man sich in solch verfahrener Situation an einen juristischen Berater, so tut man gut daran, ihn vorab darauf zu überprüfen, ob  der ebenfalls von Eitelkeit geplagt ist; sollte das der Fall sein, so meide man den Rat und die daraus folgende Tat.

Wenn man als Angeklagter vor Gericht steht, dann hat es sich in den letzten Jahren so eingebürgert (eigenartiges Wort!), dass der Untäter sein Geständnis durch den Verteidiger verlesen lässt; Hintergrund ist dabei, dass nur so der Verteidiger sicher sein kann, dass sein Mandant sich nicht ungeschickt äußert. Wie solch ein Geständnis im tiefsten Innern der richtenden Personen gewertet wird, entzieht sich der Empirie; Dottore schätzt den Wert eines solchen Geständnisses gering ein – im Hinblick auf die Strafzumessung. Meist erfolgt es, wenn sowieso die Beweislage „erdrückend“ ist, den FAVOR FORI muss man anders erringen als mit ein bisschen Arbeitsersparnis bei der Beweisaufnahme. Was jedoch vor einer Strafkammer gegebenenfalls oder eventuell zweckmäßig sein kann, ist es gegenüber der Öffentlichkeit nie. Ein wirklich guter und uneitler Berater hätte der Essener Bundestagsabgeordneten geraten, es so zu handhaben, wie weiland 1077 Heinrich IV. vor Canossa, also selbst und unmittelbar für sein eigenes Unrecht einstehen, und nicht, über einen Anwalt eine peinsame Erklärung absondern lassen. So bleibt den nur der Rückzug aus dem Gebäude der Lüge, der Rückzug aus den Gefilzen der Politik übrig; übrigens bleibt festzuhalten, wie wenig man juristisch geschult sein muss, um Gesetze zu machen.  

Den gleichen Fehler hatte schon der unselige Bundespräsident Wulff gemacht, der mit seinem Volk, dessen Repräsentant er bisweilen war, nur noch via Anwalt kommunizierte. Man muss zwar nicht mehr barfuß im Schnee stehen, aber doch wenigstens so viel Schneid haben, das Richtige und Wichtige selbst zu sagen. Schon deshalb war er unqualifiziert, einschließlich seines Beraters, der seinen Drang nicht zügeln konnte, nach Außen hin in Erscheinung zu treten. Wenn man sophisticated ist, macht es zudem mehr Spaß, mit Marionetten zu spielen, aber auch dies ist dann pervers.

So zählt es denn zu den bitteren und unnötigen Folgen der Eitelkeiten, dass alle sich als unfähig erweisen, wenn es um die eigene Person geht. Schon Max Frisch sagte sinngemäß, man erfindet eine Geschichte und erklärt, das sei sein Leben.   

Donnerstag, 26. November 2015

Strafbare Geldvermehrung

Manchen Berufen wird nachgesagt, sie hätten quasi „die Lizenz zum Gelddrucken“, früher waren das einmal die Apotheker, dann waren es die Bayrischen Notare, heute könnte man es den „Investmentbankern“ andichten.  Aber festzuhalten bleibt, Geld wird anders produziert. Das Nachmachen von Banknoten ist strafbar, denn selbst wenn es perfekt gelänge, würde doch jemand geschädigt, spätestens der Staat und die Gesellschaft, weil dann zu viel Geld im Umlauf ist, also eine Entwertung eintritt. Daher erscheint es angebracht, denjenigen, die zur Produktion von Banknoten, also zur Schaffung von Geld berechtigt sind, Grenzen zu setzen, deren Überschreitung sie der Gefahr der Strafe aussetzt. Draghi und Konsorten sollen nicht ohne persönliches Risiko einfach das weiter machen dürfen, was in ihren Heimatländern jahrzehntelang üblich war. Die nachfolgende Regelung ist § 146 StGB nachempfunden:

§ 146 a Geldherstellung

(1) Mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren wird bestraft, wer
1.      Geld in der Absicht herstellt, dass es als werthaltig in den Verkehr gebracht oder sonst wie verwendet wird oder dass ein solches Inverkehrbringen ermöglicht werde, oder Geld in dieser Absicht so herstellt, dass der Anschein eines Wertes hervorgerufen wird,
2.      derartig hergestelltes Geld in dieser Absicht sich verschafft oder feilhält oder
3.      derartig hergestelltes Geld, das er unter den Voraussetzungen der Nummern 1 oder 2 hergestellt oder sich verschafft hat, als werthaltig in den Verkehr bringt.
(2) Handelt der Täter gewerbsmäßig oder als Mitglied einer Bande oder sonstigen Gruppe, die sich zur fortgesetzten Begehung der Geldproduktion oder –vermehrung verbunden hat, so ist die Freiheitsstrafe nicht unter vier Jahren.
(3) In minder schweren Fällen des Absatzes 1 ist auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren, in minder schweren Fällen des Absatzes 2 auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren zu erkennen. Ein minder schwerer Fall liegt nicht vor, wenn der Täter auf Grund von Anstiftung beteiligter Wirtschaftsgruppen oder von Regierungsstellen gehandelt hat.


Montag, 2. Februar 2015

Carlo Pantalone e Carlo Dottore

Wer heute, Sonntag, den 1.02.2015, sich in der FAZ-Online umschaut und dabei – wie Dottore traditionell – danach guckt, ob von Greser & Lenz etwas Neues da ist, sieht ein kleines Bildchen, klickt er darauf, zeigt die Vergrößerung überraschend etwas anderes, nämlich das:


Damit nun denjenigen, die mit der Welt der Bilder im Netz nicht so vertraut sind, das Verdeckte sehen können, hat Pantalone sich der geringen Mühe unterzogen und das getilgte Bild rekonstruiert. Wir wollen nicht die Welt der Selbstzensur!


Zum Ganzen ist auf mehreren Ebenen zu bemerken:

1.
Dottore findet Fassenacht spätestens seit dem Zeitpunkt Scheiße, nachdem ihm folgende Begebenheit erzählt wurde: Im Kärtner Seegebiet lag ein Hotel, in dem ein Zahnarzt und ein Dachdecker aus Mainz ihre Sommerferien zu verbringen pflegten. Statt sich zu erholen, wetteiferten sie darum, sich bei den anderen Hotelgästen ob ihres sonstigen Treibens beliebt zu machen. Der Zahnarzt dichtete, der Dachdecker sang. Aber auch zu gemeinsamen Auftritten waren sie trotz ihrer Konkurrenzsituation bereit. Bei einem solchen Sketch sagte der eine: „Isch hatt so weisse Streifen in de Unnerhos. Isch habs untersuche losse, de Arzt secht, ich hätt Zucker!“ Erwiderung: „Dann hab isch Zimt!“ 

Genau dieses Niveau haben Greser & Lenz mit ihrer fingierten Fassenachtsrede vorzüglich getroffen.

2.
Der Drang, über tabuisierte Themen Scherze zu machen, zeugt von unbewältigten Kindheitstraumata. Kleineren Kindern kann man mit Scherzen über Fäkalien Freude entlocken, wer das mit 15 Jahren noch braucht, ist behandlungsbedürftig. Ähnliches gilt für den sich witzig wähnenden Umgang mit Sexualität. Über jeden Teil des menschlichen Daseins sind Scherze erlaubt und genehm, wer sich in Zoten suhlt, dessen Ehefrau kann man sich anlachen, wenn sie denn attraktiv genug ist. Wer ununterbrochen glaubt, über etablierte Religionen seine Witze machen zu müssen, dem hat entweder der Pfarrer als Ministrant in die Hose gegriffen oder er hat sonst das Erwachsenwerden nicht bewältigt. Im Übrigen sei er darauf verwiesen, dass die Ersatzreligionen der westlichen, sich säkular gebenden Welt, Geld, Esoterik und andere Fetische, viel lächerlicher sind. Jedoch würde man mit Scherzen darüber möglicher Weise tatsächlich Nachdenklichkeit bewirken. Der vögelnde Pfarrer nötigt Dottore kein Lächeln ab, aber die den Bachblüten und der Ayurvedakultur verfallene Direktorsgattin vermag schon, ein leicht ironisches Schmunzeln hervorzurufen.

Die Karikatur wendet sich gegen den Integrationswahn dieser Gesellschaft, gegen die Ignoranz Vieler, die den Beginn des Verschwindens ihrer mühselig errungenen Selbstverständlichkeiten nicht sehen wollen, gegen eine verkommene Form einer Religion, die den Prozess der Aufklärung noch nicht geleistet hat.  

3.
Wenn die Pressefreiheit nur das schützen würde, was vernünftig oder anerkannt ist, dann hätten wir die Zensur oder fast leere Zeitungsblätter. Die Freiheit besteht (fast) unbeschränkt, selbst wenn man den jeweiligen Inhalt für unrichtig hält. Darum haben Pantalone und Dottore beschlossen, ihr Fandasein als Verehrer von Greser & Lenz auszuleben und das zu zeigen, was die FAZ sich nur ein klein bisschen traut, etwas zu wenig, um sich von der Gratisfurcht amerikanischer Blätter abzuheben. Journalistisch gesehen ist es einfacher, über die Stadt Hanau spöttisch zu berichten, denn selber Schneid zu haben. 

Nachtrag:

Tandem, ein Blick heute (5.02.2015) in das gleiche Journal zeigt, die Kleingläubigen und Ängstlichen haben nicht gesiegt, es ist die Karikatur in voller Größe anzusehen. Na, das ist doch was!


Samstag, 31. Januar 2015

Schrankenlose Beschränktheit

In diesem Blog berichtete Dottore seinerzeit in einem Post über eine Reise nördlich und südlich der Alpen. Sie führte über Lindau, Bregenz, Chur, Andermatt, Martigny, Aosta, Turino, Barolo, Asti, Certosa di Pavia, Milano, Como, Bergamo, Brescia, Trento, Bolzano, Innsbruck, Fieberbrunn, Innsbruck, dann über Ettal und Die Wies, St. Blasien und Maulbronn nach Hause.

Vor der Abfahrt hatte sich offenbart, dass es zwar einen neuen Namen für die Berufsschrauber am Auto gibt, nämlich Mechatroniker, aber die alten Fähigkeiten eines Automechanikers haben sie verloren, die neuerworbenen Kenntnisse der Elektronik beschränken sich auf die Fähigkeit, einen Stecker an die entsprechende Dose im Auto anzuschließen, dann bedeutend auf den Monitor zu sehen, um danach mit inhaltsschwangerer Stimme zu verkünden, „der Turbolader funktioniert nicht“, ei, das hatte Dottore unschwer schon selbst bemerkt! Sogar noch mehr: Da der Turbolader nach jedem Neustart der Bordelektronik kurze Zeit lief, war es ein elektronischer Schaden, aber insoweit einen Fehler zu erkennen, das liegt weit außerhalb der Kompetenz dieser Menschen. Ob der Bordrechner einen Fehler hat, ob einer der vielen Sensoren nicht richtig arbeitet, ob etwa eine der vielen Leitungen zwischen Sensoren und Rechner nicht funktioniert, solche Erkenntnisfähigkeiten werden nicht mehr vermittelt.

Also musste das automobilistische Fortkommen mit den motorischen Basiskräften geschehen, langsam, aber auch mit geringem Treibstoffverbrauch. Dottore machte aus der Not eine Tugend, er vermied Straßen mit schnellem Verkehr, also Autobahnen. So fuhr er die gesamte, oben langatmig angegebene Strecke auf Bundes- bzw. Nationalstraßen. Es ermöglichte jedoch eine zügige Fahrt, aber weder in Österreich, in der Schweiz und in Italien mussten daher Straßengebühren bezahlt werden. 

So etwas muss auch nach Einführung einer Maut - wenn denn dem Stammtisch nachgegeben werden muss - in Deutschland möglich sein, also ein harmloser Verkehr auf allen Wegen außer Autobahnen. Was die Schweiz in Basel veranstaltet, darf es nicht geben, nämlich das Abkassieren für die Benutzung einer ansonsten mautpflichtigen Straße beim Grenzübergang. Wer diese Straßenart auf der nächsten Abfahrt verlässt, der muss keine Maut entrichten. Bei den Lastwagen klappt das, einige wenige, zur Umgehung der Mautpflicht geeignete Bundesstraßen sind eben auch mautpflichtig. Kein genereller Rückfall in die Zeiten des Mäuseturms, ins finstere Mittelalter, das sollte auch bayrischen Populisten einleuchten; jedoch: wer Schranken errichtet, ist eben beschränkt. 

Wer an dem Schicksal des elektronisch erlahmten Autos interessiert ist, dem sei noch verraten: Bevor tiefer gehende Überlegungen sein Schicksal bestimmen konnten, fuhr es ein mächtiger Stadtbus ziemlich platt, es saß aber niemand in ihm. Der polnische Aufkäufer hat dann Schrott im umfassenden Sinne erworben. Damit Pantalone nicht wieder wegen des Fehlens von Bildern meckert, sei eines des linken Vorderrades nach dem Buskontakt beigefügt.


Freitag, 30. Januar 2015

Opfer und Bauernopfer

Erst war die Eisschnellläuferin Pechstein Opfer der Sportbürokraten, jetzt ist die Nachgabe im Sportrecht ihr gegenüber das Bauernopfer für den Erhalt der Sportjustiz. Wir leben im Zeitalter der Parallelwelten, jede Sparte des menschlichen und sozialen Daseins hält sich für dessen Gesamtheit, es gibt „die Wirtschaft“, „den Markt“, „die Kultur“ und eben „den Sport“. Um sich nicht nur so zu fühlen, sondern auch um so zu sein, bedarf man mehr, etwas von der Macht dessen, was über die Gesellschaft hinausgeht, man braucht die Kompetenz des Staates. Der Sport hat es im finanziellen Bereich schon teilweise geschafft, große Veranstaltungen werden von dem IOC und der FIFA nur vergeben, wenn die entsprechenden Länder sich mit der Werbewirkung solcher Meisterschaften in ihrem Lande zufrieden geben; zuvor müssen sie mit erheblichem Aufwand die Sportstätten herstellen, die Einnahmen fließen unversteuert den internationalen Kartellen zu, so als säßen dort überall verkappte Marxisten, die den Lehrsatz beweisen wollten, das Gewinne privatisiert, Verluste vergesellschaftet werden.

Eines fehlt aber derartigen Institutionen noch, die Dritte Gewalt, die Justiz. Wie werde ich nun Unterworfener einer Justiz bar jeglicher demokratischer oder auch nur staatlicher Rechtfertigung? Nun, als jemand, der den finanziell bisweilen, körperlich fast nie erfolgreichen Versuch unternimmt, im Bereich des Sport dadurch zu Geld zu kommen, dass man sich körperlich betätigt, muss man sich dieser Justiz unterwerfen, nicht freiwillig, sondern unter den Bedingungen der Sportfunktionäre. Das tat seinerzeit Frau Pechstein. Nun haben die ordentlichen Gerichte befunden, dass eben dies mit dem nationalen Recht, hier nun dem der Bundesrepublik Deutschland, nicht vereinbar ist. Au weih, was macht nun der Sport, droht ihm doch seine schäbige Justiz bei Eintritt der Rechtskraft wegzufliegen?

Wie der Zufall es will, hat nun justament ein hochrangiges Gremium von Medizinern festgestellt, die Blutwerte von Frau Pechstein könnten natürliche Ursachen haben, die Gremien der Sportjustiz mögen doch den Fall noch einmal aufrollen.

Was wird kommen?

Vor die Wahl gestellt, ob man Frau Pechstein sportgerichtlich entschuldet und darüber hinaus ihr einen erklecklichen Schadensersatz zahlt oder die eigens aufgebaute hehre Sportjustiz der Justiz der Staaten unterwirft und damit opfert, da werden Bach, Blatter und Konsorten dem zuständigen Verband schon flüstern, was zu machen ist, notfalls auch mithilfe eines größeren Zuschusses. Wenn die Süddeutsche am 31.01.2015 meint, der DOSB sei auf Seite von Pechstein, dann ist das dumm und gefährlich. Der DOSB ist auf Seiten der Sportjustiz. „Ein Vergleich mit der Pechstein muss her, koste es, was es wolle!“ so lautet dort der Schreckensruf, „nie und nimmer darf das OLG-Urteil rechtskräftig werden!“  

Prophetie ist immer schon die Fähigkeit gewesen, Wahrscheinliches zu erkennen, die Priester der Pythia konnten das. Also wird ein Vergleich mit Frau Pechstein geschlossen werden, der zwei für sie günstige Regelungen enthält, erstens die Aufhebung der Sperre im Nachhinein, zweitens eine Schadensersatzzahlung. Aber auch der Verband erhält eine günstige Klausel: Frau Pechstein nimmt die Klage, die gegenwärtig beim BGH anhängig ist, zurück bei voller Kostenübernahme durch den Verband. (Oder, wenn das zu offensichtlich ist: Klagerücknahme und Kostentragung durch Frau Pechstein, jedoch ist der Schadensersatz entsprechend erhöht worden.)

Was lernen wir daraus? Nichts, wie immer. 

Die Bundesregierung ist im Einvernehmen mit den führenden Autoherstellern der Ansicht, dass der Wirtschaft ihre Justiz nicht genommen werden soll, diese soll sogar berechtigt sein, künftig „STAATLICHES UNRECHT DURCH UNGÜNSTIGE GESETZGEBUNG“ ahnden zu können, sprich ungebremste Zustimmung zu TTIP.

Bevor Pantalone mault, stellt Dottore fest, der letzte Absatz ist wichtig, auch wenn es keine Bilder gibt!