Freitag, 12. Januar 2018

Sebah (22) und Aydin/Tralleis

Immer, wenn Pantalone genug Bilder von Sebah einer bekannten Stätte gesammelt und bearbeitet hatte, dann drängte er Dottore, darüber einen Post zu verfassen. Nun ist er auf die Idee verfallen, auch des Meisters Bilder von Aydin - dem antiken Tralleis nahe gelegen - zu präsentieren, muss also über diese Stadt ein Post geschrieben werden? Der interne Frieden ist maßgeblich, Dottore verbindet mit Aydin keine hehren Erinnerungen. Einen Tag lang musste das gesamte Team jeweils auf der Innenbehörde rumlungern, nur um eine schon grundsätzlich erteilte Arbeitserlaubnis zu erlangen, keiner durfte fehlen, obwohl immer nur der Chef tätig war. Bürokratie osmanischer Tradition ist eben reine Herrschaftsausübung, die will und muss gepflegt werden. Der Begriff Schikane ist dafür viel zu oberflächlich.


Und dann fängt das Sammelsurium auch noch mit einem Bahnhofsbild an! Was allerdings Athen recht ist, muss auch Aydin billig sein. Dabei ist der Bahnhof damals nicht uninteressant gewesen. Herkömmlicherweise gibt es zwei Arten von Bahnhöfen, Kopfbahnhöfe und Durchfahrtsbahnhöfe, in Aydin stand eine dritte Art, eine Mischform: Die Strecke schien in einem Sackbahnhof zu enden, aber vorher schlängelte sich nach Norden ein Durchgangsgleis ab, es ist gleichsam ein Blinddarmbahnhof (hier sind präzisere anatomische Kenntnisse zum Verständnis nötig, man muss nämlich zwischen Blinddarm und Wurmfortsatz unterscheiden können). Heute, insbesondere nach der umfassenden Renovierung der Gesamtstrecke, ist er ein schlichter Durchgangsbahnhof geworden, das Gleis in Richtung Denizli verschwindet anschließend in einem tünel. Rechts auf dem Bild, also südlich, steht heute wie damals die Bey-Cami.


Was hat Pascal Sebah nur dazu getrieben, diese zerzausten Pappeln nebst Mauern und Ölbäumen abzubilden? Es gibt wenig unbedeutendere Bilder von ihm. Dabei war Aydin zu seiner Zeit berühmt für die dort reifenden Feigen, die er aber nicht abbildete. Nördlich von Izmir liegt das Tal des Hermos, in dem der Anbau von Weinstöcken überall anzutreffen ist, aber nicht zur Erschaffung eines Getränkes, das Allah nicht so gerne sieht, sondern um die länglichen Weintrauben zu Sultaninen trocknen zu lassen. Weiter südlich fließt der Mäander zur Ägäis hin, dort blühte der Feigenanbau. In beide Regionen wurden Eisenbahnlinien gebaut, die den Abtransport der levantinischen Waren ermöglichten.


Aydin liegt am Nordrand des Mäandertales zu Füßen eines Gebirges, das in der Antike Mesogis genannt wurde. Traut man den geologischen Karten, so bestehen der nördliche und der südliche Rand des Mäandergrabens aus dem gleichen Gestein, der Fluss hat das Tal nicht geschaffen, sondern den vorhandenen Graben nur nutzen können. Beide Gebirgsketten unterscheiden sich aber erheblich, während die südliche relativ stabil ist, kann sich das Mesogisgebirge der Verwitterung kaum widersetzen. Große Schuttfächer bauen die verschiedenen Wasserläufe in das Mäandertal auf. Diese bestehen aus Gesteinsbrocken des Gebirges, das dann auch noch kalkhaltige Oberflächenströme versendet. Dadurch verfestigen sich diese Schuttfächer, aber erneute Regenfälle reißen dann wieder tiefe Schluchten in die nicht allzu fest durchgesinterte Erde. Hier ist der Tschinar (Cinar) Dere tätig mit der Vertiefung der Schlucht in Richtung Aydin.



Sebah hat diese Bilder nicht mit A,B, C bezeichnet, aber bei der Gewinnung des Panoramas wurden alle drei Bilder verwendet.


Die geomorphologischen Ergebnisse sind erstaunlich, wenn man sie auch noch auf der Sohle durchschreitet, an den Flanken des Ravines, auf deutsch wohl am besten mit Tobel übersetzt, sieht man zuerst die bei jeder frühen Flut aus den Bergen abgelagerten Schichten, die dickeren Kiesel meist oben, das alles kann man aber nur erblicken, weil die neuzeitlichen Sturzbäche den Boden wieder mit scharfer Kante weggerissen haben. Auch Sebah widmete daher drei Bilder diesen Naturgeschehen bzw. deren Ergebnissen. Über die Brücke auf dem einen Bild führte wohl die Zuleitung für eine Wassermühle, mit denen die Griechen das westliche Kleinasien im 19. Jahrhundert überzogen.   


 


Als der Photograph aus Konstantinopel diese Bilder machte, da brodelte es allenfalls unter der Bevölkerung des osmanischen Reiches, der erstarkende Nationalismus fand seine Primitivnahrung in dem rasch anwachsenden Reichtum der dort ansässigen Mitbürger griechischer Herkunft und Sprache. Die Städte waren geteilt in Muslim- und Giaurviertel. Die Zypresse deutet mit ihrer Spitze fast auf den Kuppelbau einer orthodoxen Kirche, die vermutlich im Viertel der Griechen stand.


Die nächsten beiden Bilder zeigen viele Minaretts, da wohnten also die türkischstämmigen Bürger des Osmanischen Reiches.


Der türkische Nationalismus entlud sich zuerst an den armenischen Mitbürgern, verstärkt seit es die jungtürkische Bewegung gab. Dann übertrug sich diese Xenophobie auch auf andere Christen, der Krimkrieg hatte sich an der Forderung des Russischen Zarenreiches entzündet, die Schutzmacht für alle Christen im Osmanischen Reich zu werden, zwar ein vorgeschobenes Ziel für Machtpolitik, aber einen Anlass dazu gab es eben. Zu einem gegenseitigen Abschlachten im Ausmaße der Kämpfe und Kriege im ehemaligen Jugoslawien kam es allerdings in Aydin erst, nachdem die Griechen völkerrechtswidrig am 15. Mai 1919 in Smyrna gelandet waren. Die Gemeinschaft der Nationalitäten war endgültig zerrüttet, kein Politiker konnte danach den Schutz der jeweiligen Minderheit gewährleisten, zu oft und zu intensiv waren die Animositäten zuvor politisch ausgenutzt worden.


Politisch Lied – garstig Lied? ! Wenden wir uns lieber der weiter entfernt liegenden Vergangenheit zu, da sind dann weniger Identifikationen vorhanden, die das Feststellen von Geschichte und ihre Betrachtung so schwierig machen. Die Griechen und Römer waren schlauer als die Bewohner Aydins ab dem 17. Jahrhundert, sie bauten ihre Stadt Tralleis nicht in der fruchtbaren Ebene, sondern auf dem Schuttfächer. Davon zeugt – weithin sichtbar – die Ruine eines Gebäudes, das wohl ein Gymnasion oder eine Therme war; in solch langer Standzeit kann der Bau auch seine Funktion gewechselt haben. Der Ansatz zu einem hohen und vermutlich weiten Bogen ist nicht zu übersehen.


Schon Humann monierte den sorglos errichteten Bau, in den schon Spolien vergangener Bauten eingebracht wurden. Auch sieht die Talseite sehr viel uninteressanter aus, dafür stehen dort aber spektakulär anzuschauende Olivenbäume.


Unbedacht äußerte Dottore den etwas niedlichen Gedanken, der Olivenbaum auf dem Bild von Sebah könnte mit dem auf dem neuzeitlichen Foto identisch sein. Hätte er das bloß nicht gesagt! Pantalone zeigte ihm minutenlang empört seine Bilder und bewies eindeutig und langatmig, die abgebildeten Bäume können nicht die gleichen sein, es gibt dort eine relativ neuzeitliche Anpflanzung von Olivenbäumen.


Allerdings – das muss hier doch betont werden – beließ Pantalone Dottore nicht in der Trauer über den Verlust seiner angenehmen Vermutung, sondern heiterte ihn mit dem Bild eines nun wirklich alten Olivenbaumes auf der ehemaligen Stadtfläche von Tralleis auf, der daher hier auch gezeigt sein soll.


Der Abschied von der Antike geschieht durch ein Bild, das das Ausmaß der antiken Bauwerkes erahnen lässt, die Selbstdarstellung des Römischen Reiches erforderte solche Dimensionen.


Als Wulff 1903 die Koimesiskirche in Nicäa darstellte und analysierte, da kam er nicht umhin, zwei byzantinische Bauten zu erwähnen und deren Zeichnungen wiederzugeben (Seite 99), die schon Sebah 13 Jahre zuvor abgelichtet hatte. Das erste Bild zeigt offenbar die Apsis einer großen Kirche, deren Boden mehr als drei Meter unter dem zwischenzeitlichen Schutt verborgen war.


Das nächste und letzte Bild lässt einen Rundbau erkennen, dessen Außenwand durch Nischen gegliedert ist, Erinnerungen an den Nischenrundbau im Lausospalast zu Konstantinopel lassen sich nicht verscheuchen. Fraglich ist nur, was stand in den Nischen, etwa der Knabe aus Tralleis?  Seine scheinbare Lieblichkeit wird durch den doch recht brutalen Gesichtsausdruck im Zaume gehalten, ähnliches bewirken die groben Hände beim David von Michelangelo. Musste ein Liebling eben insoweit hart und männlich sein?



Der Knabe von Tralleis steht in Istanbul, die von Sebah aufgenommenen Landschaften und Gebäude sind in Aydin verblieben, allerdings wird die Statue nicht in dem Nischenrundbau gestanden haben, denn der Knabe ist erst 1902 gefunden worden, aber in Konstantinopel kann man sich die Nischen mit berühmten Bildwerken versehen vorstellen. Gleichwohl ist ein Besuch in Tralleis die Reise wert, es gibt noch ein aus opus caementitium errichtetes Theater, davor quer ein Stadion, einen eigenartigen Grabbau und weit nach Norden Wasserleitungen, die damals tief in der Erde steckten, heute bisweilen freigewaschen (und daher sichtbar) sind.   

Samstag, 28. Oktober 2017

Hitlers Wunderwaffen

Hans gehörte nach 1945 zu den angenehmen Zeitgenossen, die trotz der sich zwangsläufig ergebenen Identifikation mit der Vergangenheit die Zeit vor dem 8. Mai 1945 nicht verherrlichten oder gar beschönigten. Unsere Lehrer waren nicht imstande, Zorn über die ihnen gestohlenen Jahre zu entwickeln, geschweige denn weiterzugeben, nein, sie verharrten in der antrainierten HAB-ACHT!-Stellung, in unreflektierter Weise schwärmten sie vom Kriegserlebnis. Hans erzählte dagegen das: Er hatte als Leistungssportler natürlich zu den Kampfschwimmern gewollt, endete aber 1944 auf einer Flottille aufgemotzter Heringsfischer, die im Ärmelkanal stationiert war. Diese waren mit allerlei Geschützen, unter ihnen die berühmte 88, bestückt, die alle hoch oben an Deck montiert waren. Die Boote, ursprünglich dazu vorgesehen, tief in ihrem Bauch gefangene Heringe heimzubringen, waren nun nicht mehr sehr seetüchtig, schon bei normaler Fahrt in ruhigem Wasser rollten, gierten und stampften sie. Eines Tages nun zeigte sich in weitem Küstenabstand eine alliierte Zerstörerflotte, offenbar wollte man die Wachsam- und Wehrhaftigkeit der Deutschen prüfen. Die sechs Heringslogger dümpelten ufernah vor sich hin, als befohlen wurde, einen Angriff auf die Zerstörer zu fahren. Befehl ist Befehl, also drehten die Logger in Richtung der feindlichen Schiffe und machten nun in Linie eine schneidige Angriffsfahrt. Alle auf den deutschen Schiffen dachten an das Kommando, das mit Christus (so glauben alle Christen), ggf. mit Maria (so glauben alle Katholiken) oder gar mit Mohammed (so glauben es die Muslime) schon von statten ging, viele machten sich nicht nur im sprichwörtlichen Sinne in die Hose. Die kleine Armada schaukelte sich seewärts, die alliierten Zerstörer drehten ab und suchten das Weite. Dort wird man bei genauerer Analyse der Boote gedacht haben, entweder ist es eine der ominösen Wunderwaffen oder aber „sie spinnen, die Deutschen!“, wahrscheinlich hatten sie die Order, nur auszukundschaften, Auseinandersetzungen aber zu vermeiden. Alles das war fast vergessen, bis Pantalone dieses Bild aus dem Netz fischte, so wird wohl das Schiff von Hans ausgesehen haben.     

Eberhard war von seiner Mutter, die den vermeintlichen Errungenschaften des Dritten Reiches nicht ablehnend gegenüberstand, auf eine Schule geschickt worden, auf der die zukünftige Elite erzogen werden sollte. Sein Vater dagegen sorgte mit gelegentlichen Sottisen für einen Rahmen des Verstehens von Welt, die anders geprägt zu sein schien. Dem mütterlichen Impuls folgend und angesichts der aktuellen Lage nächstliegend sah sich Eberhard in HJ-Uniform – 15 Jahre alt – in einem Schützenloch an den Seelower Höhen wieder, seine Aufgabe schien es zu sein, das Leben des Wiener Gelegenheitsmalers zu verlängern. Hätte sich seiner nicht ein älterer und erfahrener Landser erbarmt, der ihn anwies, unten im Schützenloch die beiden Karabiner abwechselnd zu laden, er hätte Dottore sicherlich nie erzählen können, wie er sich rasch von der mütterlichen Seite auf die väterliche wandte, denn Not lehrt denken. Wer Jugendliche verheizt, verliert den Führungsanspruch. Seit den Seelower Höhen ist Eberhard Antifaschist. Wie sehr das Denken und die Realitätseinschätzung damals verschoben waren, lässt sich an dem Bild erkennen. Für uns heutige Menschen ist es unvorstellbar, dass man mit Rentnern und Schulbuben für den Krieg werben könnte, damals aber schien dies dem Propagandaminister tunlich, solch ein Bild zu veröffentlichen, das nur abschreckend wirkt. Auch die Mümmelgreise und Pennäler vermochten das notwendige Ende nicht nennenswert hinauszuschieben.



Gewidmet Hans U. und Eberhard F. 

Dienstag, 25. Juli 2017

Unfähige Situngsvertreter der Bundesanwaltschaft in München

Treffen sich zwei befreundete Rechtsanwälte, die in einem Zivilrechtstreit gegnerische Parteien vertreten. Sagt der eine: „Bitte entschuldige den letzten langen Schriftsatz, ich hatte leider keine Zeit!“

Diese uralte Geschichte gibt eine Grunderfordernis juristischer Arbeit wieder, nämlich sich präzise und prägnant auszudrücken. Dies ist wiederum nur möglich, wenn man die Fülle der Tatsachen genau strukturiert hat, also sich nicht im Dschungel der Einzelheiten suhlt bzw. auf diese nur dann eingeht, wenn es entscheidend ist. Anwaltliche Arbeit ist in der Hauptsache die Aufarbeitung einer Faktenfülle unter Berücksichtigung rechtlicher Gesichtspunkte, damit dem Beurteilenden die Tatsachen so vorgeführt werden, dass er diese in gewünschter Hinsicht rechtlich würdigt – subsumiert. Insoweit besteht kaum ein Unterschied zwischen rechts- und staats- anwaltlicher Arbeit. 

Die Vertreter der Bundesanwaltschaft wollen im Prozess in München 22 Stunden plädieren. Wenn man voraussetzt, das man zum Verlesen einer mit 56 Zeilen beschriebener Seite zwischen 3 und 5 Minuten braucht, so sind die Sitzungsvertreter bislang nicht in der Lage gewesen, die entscheidenden Tatsachen nebst der notwendigen Beweiswürdigung des 4-jährigen Prozesses zu erkennen und aufzubereiten. Der Jurist Goethe sagt im West-Östlichen Diwan: „Getretener Quark wird breit, nicht stark!“ Ungefähr 300 Seiten Plädoyer sind Zeugnis der Unfähigkeit, nicht des Scharfsinns der Vertreter der Anklagebehörde.

Darüber hinaus überschätzen die Agierenden die Wirkung des Plädoyers im Allgemeinen im deutschen Strafprozess und übersehen die einschläfernde Wirkung einer solchen Suada im Besonderen.

So scheint das Vorhaben der Sitzungsvertreter das Ergebnis einer beamtenmäßigen Sicht der Angelegenheit zu sein, ängstlich darauf bedacht, auch „ja alles gesagt und betont zu haben“. Dottore hatte sich die Institution der Bundesanwaltschaft souveräner vorgestellt., wieder eine Illusion weniger. 

Dienstag, 6. Juni 2017

Padova Freres 7 (Vollversion)

Der Sammelwut des Alter Ego von Dottore sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt, ununterbrochen wühlt er sich durch das Internet und hat nun –  dies ist ihm zuzugestehen – eine neue Ernte eingefahren, wenigstens soweit dies die fotografierenden Brüder aus Smyrna betrifft.


An der Geschäftsanzeige ist bemerkenswert, dass die oberste Zeile die türkischen Bewohner anspricht trotz der offenkundigen Nähe der Brüder zum griechischsprachigen Bevölkerungsteil, denn damals wurde die türkische Sprache noch in arabische Schriftzeichen hineingequält. Aber auf den Bildern ist keine wie auch immer geartete Sympathie für den überwiegenden Teil der Bevölkerung Kleinasiens zu erkennen.


Das erste Bildleiste zeigt den dicken griechischen General inmitten der mit ihm sympathisierenden Bevölkerung, nämlich den griechischen Untertanen des Sultans, wie er Fahnen weiht, ein für Militärs ungeheuer wichtiger Vorgang, normale Menschen sehen das weniger ergriffen. Die in Griechenland übliche Nähe der Kirche zum Staat und zum Militär ist auch hier übenommen worden, auf dem linken Bild sind zwei Priester erkennbar. Dass die nicht uniformierten Menschen als Muttersprache griechisch verwenden, ist an ihren Hüten ersichtlich, die Standardkopfbedeckung war der Strohhut, sprich: Kreissäge, während sich die Türken unter dem Fez sicher fühlten. Der dicke Paraskevopoulos galt als Anhänger von Venizelos; das hatte zur Folge, dass er später abgelöst wurde –  ein Vorteil für ihn, so richtete sich später der Zorn der Heimat nicht gegen ihn.


Wenn man jemand als eigenartig, vielleicht sogar als geisteskrank bezeichnen will, dann gebraucht man in der Umgangssprache den Ausdruck „du bist wohl vom Affen gebissen worden“. Genau das geschah aber mit dem König der Griechen mit letaler Folge. Als mit dem Griechentum innig verbundener Fotograf mussten die Padovabrüder natürlich an dem Begräbnis in Athen teilnehmen und darüber berichten.


Die jeweils linken Bilder sind „grottenschlecht“. Pantalone hätte sie normalerweise nie aufgearbeitet, wenn Dottore ihn nicht wegen der Geschichtsträchtigkeit dazu angehalten hätte.


Der alte und neue König sah sich also genötigt, das zu tun was er nicht wollte: im preußischen Generalstab ausgebildet hatte eine klare Sicht der Dinge und daher schon lange Zeit den Eintritt Griechenlands in den Ersten Weltkrieg verhindert. So erbte er nun durch den Tod seines Sohnes einen Krieg, den er nie hatte führen wollen. War er während des letzten Balkankrieges noch erfolgreich gewesen, so war jetzt die objektive Situation doch prekär. Die Griechen empfingen ihn fahnenschwenkend mit ihren Ehrenjungfrauen, wobei festzuhalten bleibt, dass das rechte, nicht autorisierte Bild mit Sicherheit von demselben Fotografen gemacht wurde, wie sein Pendant links.


Auch in dieser Reihe ist das linke Bild nicht autorisiert, neben dem Gesamtarrangement stellt die leicht dämlich dreinblickende Ehrenjungfrau auf der linken Seite die Verbindung zu den vorhergehenden beiden Bildern her. Auf dem rechten Bild sieht man ernüchtert den griechischen König, hinter ihm den Kronprinzen.


Von ähnlich miserabler Qualität wie die Trauerbilder ist auch hier wieder das linke, das wohl aus einer sehr frühen Zeit, wahrscheinlich noch vor der Besetzung Smyrnas gemacht wurde. Es ist bemerkenswert deswegen, weil ausländische Offiziere mit Türken zusammen abgebildet sind, damals sprach man noch miteinander und verfügte nicht nur über sie wie über Eingeborene.


Die folgenden drei Bilder sind schon vorab veröffentlicht worden, die Bilder wurden ein wenig gepflegt und aufgehellt, aber inhaltlich ist in der Zwischenzeit nichts Neues hinzugekommen.


Das Geschäft mit den Pressebildern war nur eines, für die alltäglichen Einnahmen sorgten Postkarten, hier sind wiederum zwei abgebildet, nämlich zum einen das liebliche Park der Artemis im kalten Winter und zum anderen die Aquädukte im Annental. Das linke Postkarte ist auch ein Beispiel für die Mischung von Geiz und Nationalbewusstsein. Das Brüderpaar Padova schwamm in der Hochzeit der griechischen Besetzung Smyrnas in dem Strom mit, der schon Stadt und Umkreis als zu Griechenland gehörig zu bezeichnete und so druckten sie dies auch auf ihrer Postkarte ab. Der entsprechende Zusatz “Grece“ wurde allerdings von einem amerikanischen Postkartenverwender schon ironisch angekreuzt, hier aber ist es wohl ein Türke, der die Postkarte benutzte. Dies ergibt sich aus der Datumsanzeige, mit der zugleich die peinliche Zuordnung von Izmir an Griechenland gestrichen wurde, denn gestempelt und mit türkischen Briefmarken versehen wurden diese Postkarten nach der Eroberung von Smyrna durch die Türken.


Hier sind wiederum zwei Sehenswürdigkeiten abgebildet: zum einen der Turm der griechischen Kirche des Hagios Photini, der von allen sehr bewundert wurde, weil es selten solch hohe Kirchtürme in der orthodoxen Kirchenbaukunst gab. Offenkundig ist dabei der Versuch, die himmelstrebenden Minarette mit einem christlichen Gegenstück zu relativieren. Das große Hotel Huck ist schon gezeigt worden, hier nur eine Aufnahme in etwas besserer Auflösung.


Ob die Gebrüder Padova es überhaupt für möglich erachteten, nach eine Änderung der politischen Landschaft in Smyrna geschäftlich weiter tätig zu sein, erscheint Dottore fraglich. Gleichwohl gibt es außer den Pressebildern, den mit „Smyrna Grece“ und PV nebst Nummer kennzeichneten allgemein Postkarten noch diese Art von Bildkarten, die sich durch eine sorgfältige Bildkomposition auszeichnen. Die abgebildeten Gebäude links könnten in Ephesus stehen, was das rechte Bild wiedergibt, entzieht sich der Kenntnis von Dottore.

Wenn jemand glaubt, dass damit Pantalones Sucht, neue Bilder zu suchen, abgeflaut sei, so täuscht er sich. Dottore wird sich in vielleicht zwei Jahren veranlasst sehen, Padova Freres 8 folgen zu lassen, mal sehen, was er bis dahin zusammengekratzt hat.

Sonntag, 16. April 2017

Padova Freres 7 Version 0.1

Bedeutsame Angelegenheiten kündigen sich an, so werden die Vorversionen von Windows in Zirkeln zuerst, dann semioffiziell der fachspezifischen Öffentlichkeit wie früher die Thronfolger präsentiert, etwas noch mit Macken versehen wie heute Prinz Charles, aber schon das angeblich so tolle Neue kündend. Für die, die wie Dottore, noch mit Word für DOS gearbeitet haben, meist wenig aufregend, aber bisweilen erfreulich. Nun gibt es zu Hause auf dem heimatlichen Server schon eine andere Version Padova Freres 7, die aber die Reise der beiden Protagonisten nicht mitangetreten hat. Cloud wird verachtet, wer auch immer für das jeweilige Gewölk verantwortlich zeichnet, mitlesen gilt erst ab dem Zeitpunkt, zudem wir es wollen. Pantalone fing wieder Bilder ein und besteht auf umgehender Veröffentlichung derselben, sei´s drum.

So geben die Bilder der Gebrüder zwar Geschichte wieder,  neue, tiefe historische Erkenntnisse sind aus ihnen nicht zu gewinnen, wie denn fast immer Bilder seit Roger Fenton und dem Krimkrieg nur der Illustration dienen, wenngleich es für viele Menschen zum Verständnis notwendig ist, dass sie sich „ein Bild machen“ konnten. 


Der geschichtliche Zusammenhang zu den hier neu gezeigten Photographien ist in dem von Großbritannien und Frankreich gepflegten Mißbehagen über das Verhalten ihres früheren Partners Italien zu sehen, der sich die Unverschämtheit herausnahm, genau so eroberungslustig zu sein wie sie selber. Die Italiener waren also vom Dodekanes über Antalya nach Norden vorgerückt. Grund genug, den von der Megali Idea besessenen Namensgeber des Athener Flughafens (warum eigentlich ist jedem historisch versierten Menschen ein Rätsel) zu ermöglichen, in Smyrna zu landen. 


Die Zerstörung der Kosmopolitie dieser Region hat also viele Urheber, das traumtänzerische Griechenland, Großbritannien unter Lloyd George, das sich bedeckt haltende, aber mitmachende Frankreich, der Nationalismus der Rum-Griechen  und der der Türken, hinzu kommen noch niedrigere Triebe der unmittelbar handelnden Militärangehörigen aller Beteiligter. Wie wohltätig ist in soweit der Vertrag von Versailles, ausnahmsweise kann mangels politischer Macht Deutschland daran nicht beteiligt gewesen sein. 


Und so sehen wir denn die Gebirgsartellerie der Alpini sich in den Bergen von Kusadasi tummeln, bereitwillig ihr Kriegsmaterial vorweisend. Die Brüder Padova sind voll embedded, daran kann nun kein Zweifel bestehen. Die Bilder wiesen die übrigen Mächte damals darauf hin, bei der Zerschlagung des Osmanischen Reiches hat sich Italien einen reichlichen Bissen gesichert. Ahnungslosigkeit darf man den Ofizieren, die diese Auffnahmen zuließen, nicht unterstellen, wahrscheinlich hatten sie genug „erobert“, meinten sie.