Mittwoch, 23. November 2016

Rubellins Vor-Bilder 1

Bei der Erfindung der Fotografie kann man sich ein wenig darüber streiten, ob die neue Technik mehr in Frankreich oder in England erdacht wurde, jedenfalls galt Frankreich im 19. Jahrhundert als Hort dieser neuen Kunst, denn als solche wurde diese Abbildungstechnik betrachtet. Viele trachteten danach, in diesem Bereich nun ihr Geld zu verdienen, genauso wie ab 1950 Menschen ihr teilweise sehr einkömmliches Auskommen in der Sparte gefunden hatten, die man früher mit EDV bezeichnete. Nun konnten nicht alle in Paris oder London tätig werden, sie mussten in die Welt ziehen. Alphonse Rubellin wählte sich als Ort seines weiteren Schaffens Smyrna aus, dort verhehlte er nicht, dass er aus der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts stammte, aus Paris.

Dieser Post ist gleichsam ein Abfallprodukt von Pantaleones unstillbarem Such(t!)en nach erst Postkarten, später Bildern aus Smyrna. Mittlerweile ist er bei weit über 3000 Postkarten in allen möglichen Variationen dieser Stadt angekommen, die Menge quillt ihm gleichsam aus den Fingern und lähmt seine sonstige Schaffenskraft. Dabei nun ist er als gründlicher Mensch darauf gestoßen, dass es nicht eine un­endliche Vielzahl an Motiven gibt, sondern dass zählbare, vorhandene Motive immer wieder abgebildet wurden. Und, wenn man immer wieder identische Motive abbildet, kann man auch die gleiche Photographie nehmen, sei es schwarz-weiß oder coloriert, sei es flächendeckend oder als Vignette, sei es zum Holzstich mutiert, immer wieder tauchen dieselben Aufnahmen auf. Vor-Bilder werden die Aufnahmen hier genannt, weil sie später in immer neuen Variationen als Postkarten auftauchen, darüber muss dann Pantalone Schlaues verbreiten, aber eben in dem entsprechenden Blog. Als relativ große Bilder erscheinen sie hier.


Rubellin war nun also in Smyrna, dies ungefähr ab 1860, er war ein vorzüglicher Fotograf, jedoch ein miserabler Dunkelkammerarbeiter. Dieses Bild des Schiffes USS Trenton ist nicht sein frühestes, das Schiff ist erst 1876 in Dienst gestellt worden. Ein Jahr später war es in Smyrna, und dieses Bild ist nun geradezu ein Muster dafür, wie schlecht Rubellin seine Bilder entwickelte bzw. entwickeln ließ. Das mag vielleicht auch daran gelegen haben, dass er in Smyrna schwieriger an die chemischen Materialien heran kam, die er für seine Arbeit brauchte. Geradezu negativ kennzeichnend ist eine Unzahl von kleinen weißen Punkten, die seine Bilder überziehen. Es ist andernorts in diesem Blog schon dargelegt worden, wie das geschieht, jedenfalls fällt Rubellin in der Umsetzung seiner ansonsten sicherlich feinen Bilder weit hinter die Bearbeitung seiner Kollegen Sebah (in Konstantinopel) und Bonfils (in Beyrouth) zurück.


Von dem Hügel, auf dem in der Antike ein Tempel stand, an dessen Hängen sich im 19. Jahrhundert muslimische und mosaische Friedhöfe erstreckten, sieht man auf die große Kaserne, die den Namen Sarıskısla trug. Dottore wird von der Idee besessen, dieses Gebäude sei mit dem großen Hospital identisch, dass die Engländer in der Zeit des Krimkrieges in Smyrna hatten errichten lassen. Aber, dass es nur eine Vermutung. In der Bucht vor der Stadt liegen die Schiffe auf Reede, Hafenbauten sind nicht ersichtlich. Wer genauer hinsieht, kann erkennen, dass der neben der Kaserne stehende Konak noch eingerüstet ist. Allgemein wird behauptet, dies Regierungsgebäude sei 1868 fertiggestellt worden, also muss dieses Bild von Rubellin früher gemacht worden sein.


Eine erste Spur von den zukünftigen Hafenbauten ist auf dem nächsten Bild zu erkennen. Die längliche Struktur inmitten der ankommenden Schiffe ist die Mole, auf der sehr, sehr viel später die Duoane genannten Lagerhallen gebaut wurden. Nördlich des Platzes vor dem Konak sieht man noch eine Bucht, sie ist der Rest des uralten Hafens, der während der Antike und des Mittelalters sich tief in das heutige Stadtgebiet hinein erstreckte. Bei diesen und den folgenden Aufnahmen sollte man sein Augenmerk immer auf die Küstenlinie richten, die selbst in den Zeiten des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts noch lange nicht die schöne Geschlossenheit hatte, die Smyrna um die Jahrhundertwende auszeichnete. Die Küste war eben an Anlandeplatz, dort gab es Lagerhäuser und Stapelplätze.


Auf diesem Bild kann man die auf dem vorigen abgebildete Errungenschaft des Baus der Mole nicht ausmachen, es muss also früher angefertigt worden sein. Ob es von Rubellin stammt, ist unklar. Dies jedenfalls, soweit es die unteren zwei Drittel des Bildes betrifft. Die Bilderdaten schwirren in einem sehr schlechten Zustand durch das Netz, insbesondere die jenseits des Meeresarmes liegenden Berge sind völlig verschwommen abgebildet gewesen. Da aber die unteren 66 % doch sehr interessant waren, spendierte Alphonse Rubellin vom vorhergehenden Bild die Hintergrundberge, die dann Pantalone gekonnt im richtigen Gefüge hinein setzte. Das Bild ist also zu mindestens mit 34 % von Rubellin. Hinsichtlich des Ausbauzustandes des Hafens gilt das gleiche wie für das vorherige Bild. Der Zustand des Gebäudes, das sich dort erhebt, wo heutzutage noch der Konak steht, ist unklar.


Wer der Ansicht ist, dieses Bild sei mit dem vorletzten identisch, hat nicht genau zu hingeschaut. Es ist davon auszugehen, dass der gleiche Fotograf, hier also Alphonse Rubellin, von der gleichen Stelle wenige Zeit später eine zweite Aufnahme machte, mittlerweile aber hatte der Wind gedreht, die Schiffe schwojen in andere Richtung. Dies ist die spätere Ausnahme ist, was sich daraus ergibt, dass das kleine Schiff nunmehr abgelegt hat, sein Bugspriet ist nach links, also nach Westen gerichtet, es läuft aus.


Bei nachlässiger Betrachtung dieses Bildes könnte man zum Ergebnis kommen, es sei ein teilweiser Ausschnitt (und etwas darüber hinausgreifend) vom vorherigen Bild. Dies täuscht jedoch. Zieht man eine Linie von den Bäumen, die räumlich hinter dem landeinwärts gerichteten Flügel des Konak stehen, zu dem weit dahinter stehenden Turm von Agios Photini, dann erkennt man, dass dieses Bild von einem Standpunkt aus gemacht wurde, der weiter östlich liegt. Diese Aufnahme wird zeitlich ziemlich spät sein, da man schon die Gerüste des Gasbehälters erkennt, und den Skelettbau des Wasserturms.


Hier nur ein Bild in die Gegenrichtung, die Küste ist noch sehr unansehnlich, die Hafenmole, die später die Douane genannten Lagerhallen tragen wird, ist noch schmal und dient als Anlegeplatz für meist kleinere Schiffe.


Einige Zeit später war die Mole weiter in die Bucht hinein gebaut worden, auch der Querbau des Wellenbrecher war schon errichtet mitsamt einer künstlichen Insel, auf der es gleichsam eine erste Douane gab, ein sogenanntes Zollaußenlager. Das dunkle Gebilde in der Mitte ist ein großer schwimmender Eimerbagger, der - von einer Dampfmaschine angetrieben - der permanenten Verlandung entgegenwirken musste. Auf dem vorherigen Bild und diesen ist am linken Bildrand der Steinbruch zu sehen, der dem späteren Vorort den Namen gab, Karatasch. So ist das mit den Türken, erst bauen sie einen riesigen Höhenunterschied auf durch die Anlage eines Steinbruchs, um dann diese Höhendifferenz mittels eines Aufzuges zu überwinden, bis heute tut dies brav der Asansör.


Hier nun sind die Hafenbauten erkennbar, die teilweise noch heute vorhanden sind. Die lange Bebauung der Duoane ist fertig gestellt, ihr gegenüber besteht noch die kleine Insel mit dem ursprünglichen Zolllager, die Einbuchtung zum alten Hafen ist verschwunden, der jüdische Friedhof im Vordergrund (Steinplatten) ist noch vorhanden, die in der großen Kaserne dienenden Soldaten sind nach wie vor damit beschäftigt, auf ihrem Übungsgelände Zelte zu bauen.


Auch weiter nördlich an der Küste tat sich etwas: es wurde eine weitere Mole gebaut, die dann später - auch breiter geworden - mit den Gebäuden des Passeportes bebaut wurde. Erkennbar ist neben dem vor der Küste liegenden Schiff schon die Hafenlaterne für das grüne Licht, die Küste selbst ist Holzlager und wenig attraktiv. Auch lassen die Typen der Schiffe darauf schließen, dass sie sich um eine relativ frühe Aufnahme handelt


Die Geschichte Smyrna ist ein Jahrtausende währendes Vorschieben der Küstenlinie. Nun ist aber nicht nur der jeweilige Beginn des festen Landes vorgeschoben worden, sondern die Verlandung ging auch unter Wasser weiter. Das bewirkte, dass Smyrna ein Flachwasserhafen war, in dem es großen Schiffen nicht möglich war, unmittelbar anzulanden,  um Waren und Menschen zu leichtern. Sie mussten deshalb auf Reede liegen und wurden dann mit antriebslosen Schiffen, sogenannten Leichtern oder Prahmen oder Bargen ent- und beladen, ein aufwändiges und teures Unterfangen. Die Bucht ist voll von diesen Schiffen, die auf ihren nächsten Einsatz warten, meist werden sie von kleinen Dampfern hin und her bugsiert. (Diese Prahmen spielen dann später, nämlich 1919 und 1923, eine wichtige bis verhängnisvolle Rolle).


Diese Aufnahme ist zum einen etwas korrigiert worden, nämlich um 3°, ansonsten liefe nämlich wie auf dem Original nach rechts das Meer aus, das Bild war also schief. Zum andern ist ziemlich in der Mitte genau das anzutreffen, was hier einmal unretuschiert belassen wurde, nämlich das Zeugnis des relativ sorglosen Umgangs des Ateliers Rubellin mit dem Medium Fotografie. Wer sich die Bäume in der Mitte genau ansieht, erblickt in deren Mitte wiederum eine graue, eigenartig geriffelte Fläche, so hat damals das Atelier Rubellin offenbare Fehlstellen im Negativ „retuschiert“. Überall sonst hat der umtriebige Pantalone solche Fehlstellen in gekonnter Manier per Photoshop entfernt, hier aber hat er sie zum Zwecke der Demonstration einmal belassen. Wir sehen das türkische Viertel und die Bucht von Smyrna.


Das schöne antike Theater der Stadt Smyrna fiel dem Ehrgeiz eines Wesirs zum Opfer, der sich verewigen wollte. So wurde denn im 17. Jahrhundert das bis zu diesem Zeitpunkt relativ gut erhaltene Theater abgerissen und aus seinen Steinen wurden zwei Han gebaut, Büyük Vezir Han und Küçük Vezir Han. Die Dächer des einen mit den zahlreichen Kaminen sind noch zu sehen, im Hintergrund die tonnenförmige Überdachung eines insoweit „gedeckten“ Basars. Heute finden wir so etwas meist in syrischen Raum, soweit von derartigen Bauten noch etwas erhalten sein sollte.


Nun fällt der Blick auf den Han, den Dottore für den Dervioglu Han hält, wobei dieser und die beiden Vezir Han dem Brand von 1922 zum Opfer gefallen sind: Das, was heute als Basar noch in Izmir steht, ist nichts weiter als ein kläglicher Rest der früheren bunten und weitläufigen Vielfalt.


Hier nun sehen wir von unten die Bäume des moslemischen Friedhofes, die auch auf einem vorhergehenden Bild zu sehen waren, dort mit dem Retuschefleck à la Rubellin in der Mitte. Oben am rechten Bildrand erkennen wir das sogenannte Grab des Polycarp, eine Stelle an der sich heute eine Niederlassung der Feuerwehr befindet mitsamt einem altertümlichen Beobachtungsturm.


Dieses fast panoramaartige Bild zeigt uns im Vordergrund die St. Georgskirche, es ist sicherlich vom Turm von Agios Photini aus fotografiert worden. Der Horizont reicht von Kadifekale über die Vertiefung, in der einst das große Stadion war (erkennbar wieder die Zypresse des Grabes des heiligen Polycarp).


Der Turm war so etwas wie das Wahrzeichen der griechischen Christen in Smyrna, ragte er doch antithetisch zu den Minaretten in den Himmel. Kein Wunder, dass ihm keine Existenz nach 1922 beschieden war. Im Vertrauen: besonders schön findet ihn Dottore nicht.


Dottore ist, was nicht bestritten wird, altertumswissenschaftlich orientiert, er sucht also alle die Dinge, die von unseren Vorfahren stammen, und meist findet er etwas. Gibt er nun seiner Vorliebe nach, so muss er zuerst im unmittelbaren Vordergrund des Bildes die Mönch-Nonnen-Ziegeln erwähnen, die ein Überbleibsel aus der Antike sind. Damals beherrschte man die Kunst des „Ziegel-Brennens“ sehr akkurat; die Abdeckung auf dem Dach gegen die Unbillen der Natur bestand aus zwei unterschiedlichen Arten von Ziegeln, breiten, flachen Ziegeln, die am Rand jeweils hochgewölbt waren, und kleinen runden Ziegeln, die diese Wölbung überdeckten. Nach der Spätantike ging die Fähigkeit verloren, solch breite große Ziegel herzustellen, man konnte nur noch die kleinen runden Ziegel fabrizieren. Und so legte man diese Ziegel einmal konvex, einmal konkav und hatte so auch wieder eine perfekte Dachdeckung, in Mitteleuropa wird diese Dachdeckung als Mönch-Nonnen-Ziegel bezeichnet, heute müsste man so etwas als sexistische Sichtweise diffamieren. Beherrschend auf dem Bild ist eine Moschee, der Hintergrund wird von der Kadifekale genannten Festung bestimmt, sie hat byzantinische, oberitalienische und seldschukische Er- und Überbauer. Fast übersehen auf diesem Bild wird jedoch ein kleines Dreieck, was der Höhe des Bildes nach ziemlich in der Mitte sich erhebt, nach der Breite am Übergang zwischen ersten und zweiten Drittel rechts – links: es ist der damals noch vorhandene, seit kurzem wieder von der Überbauung befreite Rest des Theaters, damals eben noch besser erhalten.


Dieses Haus steht zum Zeitpunkt der Aufnahme am Meer, ein großes und repräsentatives Gebäude. Das Meer erweist sich aber als treulos, heimlich, still und leise zieht es sich zurück. Natürlich nicht, vielmehr wird es verdrängt, mit Schutt und anderem Überresten aufgefüllt. Die beherrschende Lage der die Stadt vor Eindringlingen schützenden Festung von Sandschak beruht auf einem ähnlichen, allerdings mehr natürlich erscheinenden Vorgang: Der Fluss Hermos baute so stark sein Delta aus, dass dieses a Mitte des 19. Jahrhunderts die Stadt vom Meer abzuschneiden drohte, die noch ankommenden Schiffe mussten dicht am Südufer der Golfes geradezu „unter den Kanonen“ des Forts einlaufen.



Auf beiden englischen Seekarten ist der neue Verlandungsstreifen deutlich zu sehen (und von Pantalone farbig markiert).


Auf der Ausschnittvergrößerung erkennt man nun zweierlei: Fast in der Mitte des Bildes steht das fragliche Gebäude noch am Meer, etwas oberhalb davon ragt die letzte große Windmühle am Hafen als weißer Turm hoch auf.


Nun endlich ist es geschafft, die neue Küstenlinie liegt mindestens 30 m vor dem beschriebenen, vielfach gezeigten Gebäude, der Modernisierung ist auch die letzte Windmühle zum Opfer gefallen, Smyrna verwandelt seine Küste von einer produzierenden Zone zur Promenade.


Und so sieht sie denn nun aus, die herrliche Uferpromenade der „les Quais“.  Rechts groß und noch zweistöckig das Hotel (und Bierhalle) Krämer. Ganz hinten die Villenreihen der Bellevue, einer der Eigentümer dieser Bauten ist die Familie Guiffray, sie betreibt die Pferdebahn, die von nun an bis in die 1930er Jahren das Bild der Uferpromenade prägen wird, hier sind die Häuschen der Haltepunkte noch nicht errichtet.


Und wieder einmal hatte sich Alphonse auf eines der heckwärts liegenden Schiffe begeben, um von dort eine Aufnahme auf die Quais zu machen, nunmehr ein wenig weiter südlich. Leider sind die Angler nicht statisch genug, ihre Auswurfbewegungen versauen jedes damalige Bild, die Heftigkeit ihrer Körperdrehung verträgt sich nicht mit der zwangsläufigen Dauer der Belichtung.


Der Wasserkante von Smyrna war und ist bis heute die beschriebene Eigenschaft zuzuordnen, meerwärts zu wachsen, die dort stehenden Häuser wollen dahinter nicht zurückstehen, sie wachsen nach oben, werden aufgestockt und mit hohen Anbauten versehen. Heute noch sind beide Veränderungsarten in Izmir festzustellen. Bei dieser Aufnahme nun sind ihm ganze vier Pferdebahnwagen vor die Linse gefahren, welch ein Glückstag für ihn!

Montag, 5. September 2016

Mustafa OLTM

Wer sich mit Bildern beschäftigt, die aus Smyrna, heute Izmir, stammen, stößt alsbald auf einen etwas unbedarft in die Kamera schauenden Menschen, von dem es heißt, er sei ein reicher Kaufmann aus Smyrna.


Der Hersteller dieser Postkarte, der in Konstantinopel tätige Verleger Max Fruchtmann, verrät uns nicht, warum ein begüterter Kaufmann aus Smyrna ein Gewehr in der Hand halten muss, einen Säbel, einen Dolch und eine Pistole im Bund hat, darüber ein Deckchen trägt und zudem noch in der linken Hand eine lange Pfeife. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Kaufleute, auch wenn sie türkischer Herkunft waren, in der faktischen Hauptstadt der Levante nicht so verkleidet.


Hinter dem Namen bedeutender englischer, besser britischer Menschen kann man häufig einzelne große Buchstaben finden, sie lassen erkennen, der Inhaber des Namens ist zugleich Inhaber eines Ehrentitels, die Aristokratie feiert fröhliche Uhrständ. Was hat es nun mit Mustapha OLTM auf sich? Nein, es ist nicht ein Mitglied eines königlichen Beratergremiums für die Suche nach Eichen für königliche Barken, bei der abgebildeten Person handelt es sich auch mitnichten um einen reichen, aus Smyrna stammenden Kaufmann, sondern es ist Mustafa, Osmans Last Top Model.


Die Situation der in Smyrna lebenden Levantiner und der diese Stadt besuchenden europäischen Reisenden war dadurch geprägt, den Ort zugleich als letzten Vorboten Europas wie auch als erste Stätte des weiten Asiens zu betrachten. Die dort lebenden, ihre Vorfahren nicht aus Europa herleitenden Bewohner waren nach der Überheblichkeit des 19. Jahrhunderts „Eingeborene“. Solche Eingeborenen musste man dann präsentieren, wenn es darum ging, anderenorts zu zeigen, in welch ferne Gefilde man sich schon vorgewagt hatte. So also gingen die Reisefotografen daran, die nun für solche Zwecke Postkarten herstellten oder die Vorlagen dazu, Bilder aufzunehmen, die dem gängigen Klischee entsprachen.


Wenn man nur ein wenig weiter sucht, so findet man jenen „reichen Kaufmann aus Smyrna“ nun als „Mustafa mit seiner Pfeife“, wobei er in seiner linken Hand ein Gerät hält, dass zum Rauchen von Cannabisprodukten geeignet scheint. Auch andere Postkartenherausgeber fanden, „Mustapha mit seiner famosen Pfeife“ sei ein gut verkäufliches Postkartenmotiv, zudem wird er noch als exzentrischer Mekka-Pilger ausgezeichnet. Da die Üblichkeit bestand, einander die Motive zu klauen, starrt uns Mustafa in unterschiedlicher Verkleidung immer wieder an, hier noch mit seiner famosen Pfeife, dann mit seinem Stock (nunmehr weiß gewandet) und schließlich gar als Radfahrer, wobei sich jedem aufmerksamen Betrachter die Frage aufdrängt, wie kann Mustapha verhindern, dass die Trotteln seines Hosenbandes in die Kette geraten.



Ein wirklich reicher Kaufmann, zudem Muslim, hätte sich für kein Geld der Welt so schäbig abbilden lassen. Mustafa ist also ein beliebtes Fotomodell für die Reisefotografen des 19. Jahrhunderts gewesen, wenn sie eben etwas “Landestypisches“ darstellen wollten, fraglich bleibt dabei, ob das Fahrrad damals wirklich ein übliches und häufig benutztes Verkehrsmittel in Smyrna war.

Das Deutsche Archäologische Institut, Zweigstelle Istanbul, hatte vor Jahrzehnten eine gute Idee, es erwarb das Archiv des Fotoateliers Sebah & Joaillier, darunter befand sich die Uraufnahme jenes reichen smyrniotischen Kaufmannes. Nun ist das DAI ein staatliches, wird nämlich fast nach seiner Gründung aus Steuergeldern getragen, was als Kulturpolitik ein vernünftiges Unterfangen ist; gegenwärtig scheint es allerdings so, dass es zu sehr in die Fänge der Politik geraten ist, die es zu einem Werkzeug der deutschen Außenpolitik machen wollen, was dadurch leicht möglich ist, da das DAI beim Außenministerium ressortiert.


Die schädlichen Folgen solcher anderweitigen Beschäftigung verbunden mit der unsinnigen Verbindung von Forschung und Verwaltung ist sicherlich eine der Ursachen dafür, dass Norbert schon über acht Jahre, Robert schon fast vier Jahre auf die Druckerlaubnis warten. Denn ist es so, dass bestimmte Bücher im Wissenschaftsbereich mit kleinen Auflagen nur dann gedruckt werden können, wenn es einen Zuschuss gibt. Zugleich kann das DAI seine immense Bedeutung für die Kultur dadurch unter Beweis stellen, dass es Publikationsreihen unterhält, in die dann solche Werke aufgenommen werden. Aber, ach, es gibt so viel zu bewältigen, Norbert und Robert werden noch lange Zeit warten müssen, früher nannte man so etwas schlicht Schlamperei, jede andere Bewertung ist euphemistisch und unangemessen.


Im Laufe der weit über 100 Jahre andauernden Tätigkeit hat das DAI nun Archive und Bibliotheken angehäuft, wobei es sich allerorten immer mehr eingebürgert hat, die eigenen Bildbestände zu schützen. Und siehe da, Mustafa taucht wieder auf, nun – in urheberrechtliche Ketten geschlagen – wieder als reicher Kaufmann aus Smyrna, allerdings unter Wahrung dessen, was man dort so als Urheberrecht versteht, also mit bräsigen Wasserzeichen verhunzt. Dass Mustafa so gezeigt wird, wie er von den geschäftstüchtigen Fotografen ausstaffiert und sein Bild beschriftet wurde, ist auf mangelnde Sachkenntnis zurückzuführen, aber das soll nicht weiter verwundern. Ein eigener Posten für die Wahrung des wirklichen oder vermeintlichen Urheberrechtes ist beim DAI eingeführt worden, wobei der gegenwärtige Inhaber sich nicht durch juristische oder wirtschaftliche Sachkenntnis auszeichnet, sondern ein ausgewiesener Sachkenner der Landschaft des südlichen Griechenland es ist. Irgendwo muss man die Leute doch unterbringen und dann beschäftigen.


Von Mustafa gibt es nur noch eine zweite Aufnahme, die vollends überdreht ist. Er hat nun seine Donnerbüchse abgelegt und stattdessen ein Tässchen Kaffee in der Hand, so als wolle er die Leitfigur in Mozarts Kanon verkörpern: C-A-F-F-E-E … . Kein Schütze, der mit einem Gewehr umgehen kann, würde sein Gewehr so flach hinlegen, kein Türke würde seine Kaffeetasse neben seinen Schuhen auf den Boden stellen, zudem kann sich Mustafa gar nicht so weit hinunterbücken, da ihn das zum Zwecke des Fotografierens aufgedrückte Gelersch vor dem Bauch daran hindern wird. Es ist also eines jener üblen, falsch arrangierten Bilder, diese Urteil trotz der grundsätzlichen Geneigtheit von Dottore für Sebah & Joaillier, von der Schwärmerei Pantalones ganz abgesehen.


Aber nicht nur das DAI reklamiert nun Mustafa für sich, sondern auch jenes Unternehmen, das aus dem Nachlass des Herrn Getty erwachsen ist, erheischt die Rechte an dem Bild. Der einzige Unterschied besteht darin, dass das Kaffeetassen-Bild von Getty Images in sepia gehalten ist, während das DAI die schwarz-weiße Version präsentiert.


Nun, das lässt sich ändern, die Frage bleibt nun, wem gebührt nun das unwahrscheinliche Urheberrecht an diesem Bild?


Man kann sie miteinander kombinieren, also in das etwas größere Bild – in sepia gewandelt – das Gettybild hineinkopieren, dann streiten sich die beide um die Fetzen. Man kann aber auch Ordnung schaffen, also dem Mustafa erst mal die Flinte von dem Staffagefelsen wegnehmen und ordnungsgemäß an die Wand lehnen. Dann gibt man dem Ganzen noch einen schönen warmen Sepiaeton und behauptet in weiterer rüder Usurpation, das Bild sei nunmehr mit dem Urheberrecht von Pantalone & Joallier, wobei die Fähigkeit, Bilder zu bearbeiten ein höheres Maß an Aneignung begründen kann als das schlichte Scannen von Vorlagen.

Und so lebt denn Mustapha weiter in einem ewigen Urheberhickhack, das hätte er sich nie träumen lassen.


Dienstag, 26. Juli 2016

"Eine nicht akzeptable Entgleisung"

Der Präsident (IOC Präsident Bach) ist nicht damit einverstanden, was der einfache Sportler (Robert Harting) über ihn und seine Entscheidungen meint. Er sieht sich beleidigt und überhaupt. In der Sache geben wohl alle Gutmeinenden, die zugleich die arglos Unwissenden sind, dem Sportler recht, aber die Einsicht in tiefere Gründe ist ihnen verwehrt.
Beide sind Olympioniken, haben aber völlig andere Vorder- und Hintergründe; das letzte Wort dient jetzt als Begriff für Herkunft, wenngleich ohne „Migration“ Hintergrund sehr mager aussieht. Da ist zum einen die Sportart, Fechten ist elegant und treffsicher, ein Sport der Menschen, die auch sonst sophisticated sind. Diskuswerfen ist mit Hammerwerfen und Kugelstoßen die schwere Schwester der Leichtathletik, gerade noch so akzeptabel in den Kreisen, die sich besser dünken. Aber die Ausbildung und die Berufspraxis: Man studiert eine Herrschaftswissenschaft, also durchläuft eine Ausbildung, an deren Ende man zu denen gehört, die da sagen: „Nun machen Sie mal!“ Entsprechend dann die Kontakte zu Großindustrie und dem internationalen Kapital. So geprägt kann man dann zu recht meinen, Bach hat Stallgeruch, so einer gehört zu uns. Dagegen wird selbst ein äußerst erfolgreicher Abschluss des Studiums der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation allenfalls dazu prädestinieren, ein Logo für die WM 2040 zu entwerfen, nach der vorherigen Aufforderung: „Nun machen Sie mal!“ Und der Beruf: Wenn er wenigstens Offizier wäre, aber als Feldwebelaspirant ist man meilenweit davon entfernt, Schwiegersohn werden zu können. Und, haben Sie ein Foto in Erinnerung, auf dem Bach seine Fechtjacke zerreißt?
Jedoch ist von diesem Geplänkel wahr, dass der eine in dieser weltweiten Mafia der Unternehmer angekommen ist und der andere nicht begreift, dass er ein aufrechter Unternommener geblieben ist, was ihn sympathisch macht. Es geht nicht um Sport, sondern um Kohle verdienen – in Zeiten der zwangsläufigen Verwandlung der Körperertüchtigung in erwerbsträchtige Unterhaltung derjenigen, die dafür noch zahlen dürfen. Frei nach Brecht: Was ist ein optimaler Diskuswurf gegen dessen weltweite Verbreitung für viel Geld.  
Schon der Name „Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation“ zeigt die Verlogenheit dessen, was der junge Mann glaubt richtigerweise zu studieren: Welche Gemeinsamkeit kann sich denn überhaupt nach einer wie auch immer aussehenden Kommunikation ergeben? Die Wirtschaft, nämlich diejenigen, die Auftraggeber sein werden, benutzt den akustischen oder visuellen Eindruck, um ihre Produkte oder Meinungen zu verhökern. Anders als in schlichter Anpassung der Betrachter an das Vorgegebene kann nichts Gemeinsames entstehen. Der Misserfolg einer Werbekampagne führt nie zum Nachdenken über das Produkt, sondern zum Nachsinnen über andere Übervorteilungstechniken.

Der Parsifal Harting hat gegen den Klingsor Bach keine Chance, leider. 

Für meinen Freund Lullus, der enttäuscht ist, es aber schon lange besser wusste.   

Mittwoch, 20. Juli 2016

Eitelkeiten verhindern Katharsis

Da spiegelt eine Frau sich und der Allgemeinheit vor, eine qualifizierte Ausbildung hinter sich gebracht zu haben einschließlich einer entsprechenden Berufspraxis. Dottore ist in diesem Fall zynisch, er neigt der Ansicht zu, man lerne nach dem ersten juristischen Staatsexamen in der Folgezeit sowieso nur zwei Dinge: Einmal das richtige Zitieren von Aktenzeichen, zum anderen –  im Bereich des früheren Preußens – wie man ein Blatt einer Akte so faltet, dass es bei einem Aktenvortrag rasch und sicher zum Zwecke des Vorlesens einer wichtigen Passage gefunden werden kann (sog. „Preußischer Aktenkniff“). Beides weist einen als zugehörig aus, man ist in der Kaste der Volljuristen angekommen, zumindest aber auf dem Weg dorthin. Je weiter diese Frau nun auf der Leiter der Karriere emporstieg, umso schwieriger, fast unmöglich wurde es für sie, zur biederen Wahrheit zurückzukehren. Wendet man sich in solch verfahrener Situation an einen juristischen Berater, so tut man gut daran, ihn vorab darauf zu überprüfen, ob  der ebenfalls von Eitelkeit geplagt ist; sollte das der Fall sein, so meide man den Rat und die daraus folgende Tat.

Wenn man als Angeklagter vor Gericht steht, dann hat es sich in den letzten Jahren so eingebürgert (eigenartiges Wort!), dass der Untäter sein Geständnis durch den Verteidiger verlesen lässt; Hintergrund ist dabei, dass nur so der Verteidiger sicher sein kann, dass sein Mandant sich nicht ungeschickt äußert. Wie solch ein Geständnis im tiefsten Innern der richtenden Personen gewertet wird, entzieht sich der Empirie; Dottore schätzt den Wert eines solchen Geständnisses gering ein – im Hinblick auf die Strafzumessung. Meist erfolgt es, wenn sowieso die Beweislage „erdrückend“ ist, den FAVOR FORI muss man anders erringen als mit ein bisschen Arbeitsersparnis bei der Beweisaufnahme. Was jedoch vor einer Strafkammer gegebenenfalls oder eventuell zweckmäßig sein kann, ist es gegenüber der Öffentlichkeit nie. Ein wirklich guter und uneitler Berater hätte der Essener Bundestagsabgeordneten geraten, es so zu handhaben, wie weiland 1077 Heinrich IV. vor Canossa, also selbst und unmittelbar für sein eigenes Unrecht einstehen, und nicht, über einen Anwalt eine peinsame Erklärung absondern lassen. So bleibt den nur der Rückzug aus dem Gebäude der Lüge, der Rückzug aus den Gefilzen der Politik übrig; übrigens bleibt festzuhalten, wie wenig man juristisch geschult sein muss, um Gesetze zu machen.  

Den gleichen Fehler hatte schon der unselige Bundespräsident Wulff gemacht, der mit seinem Volk, dessen Repräsentant er bisweilen war, nur noch via Anwalt kommunizierte. Man muss zwar nicht mehr barfuß im Schnee stehen, aber doch wenigstens so viel Schneid haben, das Richtige und Wichtige selbst zu sagen. Schon deshalb war er unqualifiziert, einschließlich seines Beraters, der seinen Drang nicht zügeln konnte, nach Außen hin in Erscheinung zu treten. Wenn man sophisticated ist, macht es zudem mehr Spaß, mit Marionetten zu spielen, aber auch dies ist dann pervers.

So zählt es denn zu den bitteren und unnötigen Folgen der Eitelkeiten, dass alle sich als unfähig erweisen, wenn es um die eigene Person geht. Schon Max Frisch sagte sinngemäß, man erfindet eine Geschichte und erklärt, das sei sein Leben.   

Samstag, 18. Juni 2016

Respekt erweisen

Nehmen wir einmal an, in dem Altarbild der heizbaren Seitenkapelle eines Klosters nahe Mecheln würde man unter dem Ruß unzähliger Wachskerzen der letzten 300 Jahre ein Werk von Peter Paul Rubens entdecken, wobei es sich sogar herausstellte, dass es im Gegensatz zu fast allen anderen Arbeiten vollständig von dem Meister selbst gemalt wurde. Jeder wird und kann erwarten, dass das Bild von den Veränderungen der letzten Jahrhunderte „behutsam“ befreit, also zumindest die dicke rußige Schicht entfernt würde. Bei der Fehlstelle, wo am zweiten Advent 1784 eine Kerze durch die Unvorsichtigkeit des Küsters am Bild lehnte und dort die Leinwand leicht ankokelte, wäre eine sorgsame Bearbeitung angebracht, die zwar nicht zu einer Überrestauration führte, also noch diesen Makel sichtbar bleiben ließe, aber doch den Schaden etwas dämmte. Jeder dieser Schritte wäre ein Eingriff in das, was auf uns als Original überkommen ist, gleichwohl erwarten wir eine Pflege des Kunstwerkes, die es in einen Zustand versetzt, als wäre es während der gesamten Dauer seiner Existenz achtsam und würdig behandelt worden.

Wie gegensätzlich dazu werden uns die Bilder gezeigt, die auf andere Weise hergestellt wurden, nämlich Fotografien – oder um es in der Skription von Dottore zu fassen – Photographien. Je ramponierter das Bild, um so authentischer scheint es zu sein, jeglicher Dreckbatzen, der sich in den letzten 150 Jahren darauf breit gemacht hat, wird unbenommen präsentiert. Einen sachlichen Grund dafür gibt es nicht, im Gegenteil: Denn die neuzeitliche Technik – schließlich leben wir insoweit wirklich im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes – ermöglicht es, den überkommenen Gegenstand vorzüglich zu kopieren, scannen eben. Die so gewonnenen Bilddaten lassen sich leicht und ohne jegliche Beeinträchtigung dessen, was wir nun einmal Original nennen wollen, so bearbeiten, wie das ein Restaurateur mit einem gemalten Bild machen würde. Bei dieser Erwägung darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sogar auch die Gemälde der sog. Moderne schon heftigst restauriert werden müssen. Das ist notwendig, weil eben die Handwerkskunstfertigkeit bei den Malern der Neuzeit nicht mehr vorhanden ist, und besonders schwierig, weil verschiedenste Materialien verwendet wurden.

Das Ergebnis des Scannens kann zwischengespeichert, verändert und jeweils bewahrt werden, nichts ändert sich dadurch am Bestand. Man kann sogar danach trachten, Intensionen der Urheber des Bildes nachzugehen, die seinerzeit noch gar nicht umgesetzt werden konnten. Erweist man nicht so dem damaligen Hersteller die größte Reverenz?

Bei William Henry Fox Talbot, der seiner Mutter vielleicht nicht nur den findigen Teil seines Namens verdankt, ist dies besonders ärgerlich, ist er doch der Erfinder des Positiv-Negativ-Prinzips, folglich erfordern seine Produkte geradezu die Umsetzung aller Vorhaben und Pläne, die sie in sich bergen. Zwischen 1840 und 1846 sind die beiden Bilder entstanden, die zeigen sollen, wie umtriebig und variabel im Studio zu Reading gearbeitet wurde.



Die Bilder kleben inhaltlich förmlich aneinander, mit Sicherheit war es die Absicht des Photographen, seine umfassende Tätigkeit umfassend, also in einem Panorama darzustellen. Weder das Objektiv, noch die Camera, noch das Negativ ließen das damals zu. Also ist es doch nur eine Ehrerbietung an den auch sonst schöpferischen Geist des Fuchses, dies heute nachzuholen. Betrachtet man allerdings die inneren Bildränder genauer, so stellt man fest, von der Panoramafotografie war er noch entfernt.


Die grünen Zacken zeigen das identische Objekt, Dachecke und Regenrinne des Ateliergebäudes. An dem rot umrandeten Fenster erkennt man, zwischen den Aufnahmezeitpunkten hat die Bewohnerin das Fenster geschlossen, also gibt es eine zeitlich erhebliche Differenz. Setzt man den Oberdeckel der Camera mit dem darunter liegendem Fenster in Verbindung (gelber Strich), dann sieht man, beide Aufnahmen sind nicht von identischen Ort aus gemacht worden, aber diese liegen nahe beieinander. Am eklatantesten ist der Unterschied beim Bein des Meisters und der einen Camera, blauer Strich. Gleichwohl lassen sich die Bilder zu einem Panorama vereinen.


Und so steht den William Henry Fox Talbot – als Meister im Zentrum – in seinem Atelier, das eher einem Handwerksbetrieb ähnelt, und erzeugt sich selbst als einen der Ahnherren der Fotografie. Nur eine einzige der fast zahllosen Wiederholungen eines oder beider dieser Bilder im Netz erweist ihm eine vergleichbare Ehre, da hat sich ein Unbekannter der Mühe unterzogen, das Damals mit dem Heute zu vergleichen, daher sei es auch hier nochmals vorgeführt.


Die Bewohner der französischen Hauptstadt wären im 19. Jahrhundert gerne alle Flaneure gewesen, die Boulevards entlang- und dem Nichtstun nachgegangen. Die allermeisten jedoch mussten schlicht arbeiten, damit die Flaneure ihre namengebende Tätigkeit pflegen konnten. Ab und zu reichte es der arbeitenden Bevölkerung, der gallische Hahn war durch das sonntägliche Suppenhuhn noch nicht um sein krähendes Aufbegehren gebracht, dann ging der überwiegende Teil des Pariser Volkes seiner Lieblingstätigkeit nach, es baute Barrikaden, eine Tradition von 1789 bis 1968 (weil, das sei festgehalten, es kaum aus Lampenputzern bestand wie die östlichen Nachbarn). Und weil das solch eine schöne Sache ist, soll ein frühes Bild darüber gezeigt werden:


Nun sollte ein Bild eines solch schönen Ereignisses nicht so aussehen, als ob jemand mit Schrot darauf geschossen hätte. Also sind die Fehlstellen – „behutsam“ wie das angekündigt wurde – eliminiert worden.  Beide Barrikaden sind klar zu erkennen, vor der vorderen im Bild sieht man, woher die Steine der Barrikade stammen, aus dem Pflaster. Heutzutage ist man da umsichtiger: In Roulettenstadt ziehen sich Alleen mit Mittelstreifen durch die Innenstadt. Rechts und links dieser Mittelwege hatte man Kiesel ausgelegt, damit der Bewuchs im Zaume gehalten werde. Nun aber stand eines Tages die Beerdigung eines jungen Mannes an, der aus der Stadt stammte und in Bad Kleinen ums Leben gekommen war. Die Ordnungskräfte fürchteten, die Teilnehmer der Beerdigung könnten die Kieselsteine als Wurfgeschosse missbrauchen. Flugs wurden in einer Nacht- und Nebelaktion alle Kieselsteinfelder mit einer Lage von 10 cm Lehm abgedeckt. Dort sprießt seitdem das Kraut, auf diese Weise erweist denn die Stadt ihrem verlorenen Sohn bis heute den Respekt.


Immer wieder schwankt man zwischen Parteilichkeit und Objektivität, es wäre an der Zeit, dass dies kein Widerspruch mehr wäre (wird da nicht Hoffnung mit Illusion verwechselt?). Also die Korrektheit gebietet, den weiteren Verlauf, so wie er feststeht und auch im Bild festgehalten ist, darzustellen. Kurze Zeit später hat  in Paris die Schutzmacht der Flaneure die Ordnung wieder hergestellt, aber von dem Bild hat Pantalone nur den Himmel gesäubert!


So bleibt nichts übrig, als auf einen Text von Rosa Luxemburg zu verweisen:
»Ordnung herrscht in Berlin!« Ihr stumpfen Schergen! Eure »Ordnung« ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon »rasselnd wieder in die Höh' richten« und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!

Nun soll damit nicht der Stab über Flaneure gebrochen werden, Joseph-Philibert Girault de Prangey war sicherlich einer von ihnen, hat aber doch Bleibendes hinterlassen. Als junger Mann war er ein früher Photograph und hat auf seiner Grand  Tour im Orient einiges abgelichtet.  So hier ein Haus am Bosporus im Hintergrund und eine der damaligen Anglerhütten.


Nun bedingt nicht unsorgfältige Behandlung oder Lagerung allein derartige Verfärbungen, sondern die chemischen Vorgänge sind häufig trotz der Versuche der Fixierung weiter virulent und verändern das scheinbar Feste. Diese naturwissenschaftlichen Gegebenheiten sind aber kein Grund, die Gestaltung des Autors verkommen zu lassen.


Von der gleichen Stelle machte de Prangey zur Sicherheit noch eine Aufnahme, allerdings bat er seinen Reiseführer aus Albanien, vor dem Wasser die Fremdartigkeit zu steigern.


Der Reisende selbst zog sich nach der Reise auf sein Landgut zurück und privatisierte, lief dabei allerdings nicht auf den Boulevards der Hauptstadt nutzlos herum. Seine Erben oder Erbeserben entdeckten den Photoschatz und verhökerten ihn schnöde, wobei sie willkürlich die Bilder benamten. So wurde das nachfolgende Bild – auch bei dem Versteiger – falsch bezeichnet:
JOSEPH-PHILIBERT GIRAULT DE PRANGEY (1804-1892) 
150. Constantinople. 1843. Fontaine pris du T[emple] du Galat 
daguerreotype titled, dated and numbered in ink on a label (affixed to verso)
7½ x 9½in. (19 x 24cm.) 



Tatsächlich handelt es sich aber dabei nicht um einen Brunnen aus Konstantinopel (warum sollte der ein Minarett tragen?), sondern zuerst einmal um eine verdrehte Aufnahme.


Wer mit offenen Augen durch das westliche Kleinasien gereist ist, erkennt nun sofort, es handelt sich bei der Aufnahme um ein frühes Photo der Ilias Bey Çami aus Milet, die allerdings kürzlich heftigst restauriert wurde, was man dabei unter Restaurieren in der Türkei versteht. „Nur neu ist schön, die Geschichte des Bauwerks darf nicht sichtbar bleiben!“


Eine neuzeitliche Aufnahme – vor der Renovierung gemacht – zeigt die Identität des abgebildeten Objekts. (Mittlerweile ist das immer kürzer gewordene Minarett teilweise wieder errichtet, allerdings die Störche haben das Nest von den Faustinathermen nicht zurückverlegt). Vor mehr als 100 Jahren hatte der in Hamburg und in Smyrna tätige Photograph Krabow den Eingangsbereich abgelichtet,  mit bemerkenswerter Schärfe:


Die neuzeitliche Aufnahme –  aus dem Netz gefischt, um nicht immer die Eigen-Konkurrenzsituation aufkommen zu lassen –  ist mit einer Nikon D 50 angefertigt worden, diese Kamera benutzt einen APS-Sensor, der folglich eine Größe von 23,6 mm x 15,8 mm hat, also 122 mal kleiner, aber auch 172 Jahre jünger ist als das von Prangey verwendete Format. Bei einem Vergleich – Prangey/Panoramio/Krabow – ergibt sich eindeutig, die Stiftungsinschrift ist auf dem Bild von Krabow am besten zu erkennen, denn lesen werden es nur die Wenigsten können.






„Sag mal, Dottore, warum muss denn die Seitenkapelle Deines ominösen Klosters in Belgien heizbar gewesen sein?“

„Nun ja, in einem Kloster gibt es Priestermönche und Laienbrüder, die katholischen Priester sind seit jeher gehalten, einmal am Tag eine Messe zu lesen; im Winter in einer eiskalten Kirche, wo sogar der Messwein gefrieren könnte, eine harte Norm. Daher gab es gerne kleine heizbare Kapellen, in denen dieser Pflicht genüge getan werden konnte, zügig, gab es doch noch wartende Kollegen, obwohl zwei Messen am gleichen Tage am gleichen Altar nicht gern gesehen wurde.“

„Die Kapellen waren wegen der Heizbarkeit klein und wurden dann häufig benutzt, daher die Beaufschlagung mit Kerzenruß!“

„Das ist noch stärker in den Gotteshäusern der Ostkirche festzustellen, die fast alle bis in die 70er Jahre als schwarz getüncht galten, bis man daran ging, den Ruß der traditionell vielen Kerzen abzuwaschen, Du selbst hast doch in Chaironeia solch eine Probe fotografiert!“

„Darf ich das jetzt zeigen?“

„Na klar, warum denn nicht!“


„So viel an Zustimmung ist mir unheimlich, bist Du krank?“