Freitag, 7. Juni 2013

Kairo 4 Sultan Hassan Moschee und ihr Brunnen

Am östlichen Stadtrand erhebt sich als Vorstufe zu den Moqattamhügeln die sogenannte Citadelle. Zu deren Füßen breitet sich in westlicher Richtung die muslimische Altstadt aus. Noch ans Schienbein gelehnt erhebt sich dort die mit zwei Minaretten versehene Sultan Hassan Moschee.


Wer beim Anblick dieses – natürlich von Sebah stammenden – Bildes vermutet, der Gottesdienstraum sei unter der Kuppel, ist auf die osmanische Kuppelmanie hereingefallen. Denn der Baukörper „Kuppel“ ist eben nicht spezifisch muslimisch, sondern dessen Übernahme  aus der byzantinischen Architektur ist dem Bestreben der Osmanen zu verdanken, sich mit imperialen Bauten auszuzeichnen. An der Pracht der Hagia Sophia konnten sie nur teilhaben, wenn sie an deren Wunder mitwirkten, was dann auch Sinan prächtig konnte. Die Übernahme westlicher Bauformen erstreckte sich bei den Arabern – außer beim Felsendom in Jerusalem – nicht auf religiöse Bauten; die mit Säulen in viele Schiffe unterteilte arap çami war lange Zeit die Leitform, in Kairo an der Amr Moschee am besten zu begreifen. Aber auch an diese Form hält sich die Sultan Hassan Moschee nicht. Der große, mit hohen und massiv wirkenden Mauern  umschlossene Baukörper enthält in seinem Innern insgesamt 6 verschiedene Bereiche:


Die grün markierte Fläche ist die eigentliche Moschee, die vier mit kleinen Räumen ausgestatteten Bereiche sind Rechts- und Koranschulen, der runde, überkuppelte Raum birgt das Grabmal des Stifters und Namensgebers.


Die größte, im Schnittpunkt gelegene Fläche ist im Grunde kein Raum, da er keine Überdachung hat, allenfalls durch die umgebenden Wände und die angrenzenden anderen Bereiche gewinnt er selbst an Saalcharakter.  Die vier an ihn grenzenden Räume sind sogenannte Iwane (oder unter Mitbenutzung des arabischen Artikels Liwane), überwölbte, jedoch nach einer Seite offene Bereiche. Sie gibt es in mesopotamisch/persischen Gebieten spätestens seit der Partherzeit. Diese Bauform, also ein rechteckiger Freiplatz mit bis zu vier angrenzenden Iwanen, ist spezifisch persisch, sie konnte sich nach der arabischen Eroberung im Sakralbau behaupten. Der hellere Fleck im Innenraum auf dem Bild wird von dem Dach des Brunnens gebildet.

270° des Hofes konnte der Fotograf hier zu einem Panorama zusammenbringen, dieser Rundumblick leidet jedoch an dem tiefen Aufnahmepunkt, selbst mit einfachen Hilfsmitteln sind die stürzenden Linien nicht zu beseitigen, aber wenigstens die Außengeraden stehen nun senkrecht. Da die weißen Dreiecke abgeschnitten werden müssen, weil wir uns an rechteckige Bilder gewöhnt haben, wird damit auch ganz rechts ein logenartiger Bauteil wegfallen.


Lekegian hat den rechten Iwan seinerzeit aufgenommen; man kann Mihrab und Minbar sowie diesen eigenartigen Balkon erkennen. Die Gleichheit aller Muslime vor Allah verbietet im Grunde eine Hervorhebung einzelner Gläubiger. Im Osmanischen Reich wurde eine Ausnahme für den Sultan gemacht, zu leicht konnte er in der Masse der übrigen Beter einem Attentäter zum Opfer fallen, also durfte er sich aus Sicherheitsgründen auf den Mahfil separieren. Eine weitere Ausnahme wurde denjenigen zugestanden, die durch Vorlesungen aus dem Koran von der Menge sich unterschieden. Diese nahmen auf dem im Arabischen dikkat al-muballigh genannten Loge Platz, auf dem Bild durften zwei Vorleser oben sitzen.


Die Mitglieder des Sebah-Familienunternehmens haben zu verschiedenen Zeiten immer wieder dieses Brunnenhaus aufgenommen.




Daher hat dann auch Bonfils das Objekt für würdig erachtet, hat aber durch die Lichtführung eine sehr intime Aufnahme geschaffen, offenbar die beste von allen.


Die folgende wird allgemein den Brüdern Zangaki zugeschrieben, sie ist vom fast identischen Platz aus gemacht. Man kann die Unterschiede daran erkennen, wenn man der herabhängenden Schnur in der Mitte folgt: Die arabischen Schriftzeichen des Bandes um das Dach (übrigens bedeuten sie ALLAH) werden an anderer Stelle überdeckt. Auch ist dieses Foto durch das starke Licht von oben banaler.


Das von David Roberts gemalte Bild aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts besticht gegenüber den monochromen Bildern nicht nur durch seine Farbigkeit. Seine Lebendigkeit nimmt einen mit in den abgebildeten Gottesdienst, eine fremde Welt wird einem nah.


Was lag also näher, als durch eine Verbindung der Bilder ein wenig Zauber in das Panorama zu bringen. Der weißbehemdete Tourist verlor noch seinen Scheinbuckel (das Hemd seines Nachbarn!), die überall hin wabernden roten Plastikstühle wurden weggeräumt, die Touristenfamilie verschwand ganz im Torbogen, der Brunnen aus dem lieblichen Bild nahm in der Mitte seinen angestammten Platz ein.



Fotografie kann viel, aber nicht alles.

Frage an den Leser: Wer hat die Unterschiede in der Gestaltung der Fenster im Obergeschoss des Brunnens bemerkt? Auf dem frühesten Bild von Sebah, dem des Malers David Roberts und wieder heute sind es je Seite zwei kleine schmale und zwischen ihnen ein rundes Fenster. Auf den anderen sind jeweils zwei längere schmale Fenster sichtbar. Das Rätselhafte daran ist, dass irgendjemand im 19. Jahrhundert die Fenster ausgewechselt hat, jedoch das marode Dach unrestauriert ließ. Wer weiß mehr?

Wenn man Bilder von Ägypten zeigt, dann dürfen die der Description de l´Égypte nicht fehlen; dieses Buch, eine Mischung aus Bonapartismus und Aufklärung, erschloss Europa die Fülle Ägyptens. Auch in diesem Werk gab es ein Bild des niedlichsten aller ägyptischen Reinigungsbrunnen, das nicht ausgelassen werden soll.

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