Mittwoch, 23. Februar 2011

Sebah 4 - Duplikate von und für ihn

Dass ein Fotograf von einem Gegenstand nicht nur eine Aufnahme macht, ist klar. Pantalone hatte 1962 die Freude, beim Trampen von Troia bis Izmir über Assos und Pergamon über drei Tage von zwei amerikanischen Berufsfotografen mitgenommen zu werden. Dabei hat er gelernt: Das Problem ist nicht, ob hoch oder quer, sondern beide; aber aussuchen später am Leuchttisch! Insbesondere bei Studioaufnahmen werden immer mehrere Bilder gemacht, so auch von der liebenswert dreinschauenden Türkin.

Montag, 21. Februar 2011

Pascal Sebah III, aber auch Bau von Gotteshäusern

Bei der Betrachtung der Antike kommt man auch bei Berücksichtigung des den Deutschen anhaftenden Graecozentrismus doch zum Ergebnis, dass viele der damaligen Errungenschaften auf griechischen Wurzel sprossten. Davon gibt es mindestens zwei Ausnahmen, den Raum und das Recht.

Die kargere Denkungsart der Römer verbunden mit der Lakonie ihrer mit Partzipialkonstruktionen und sonstigen Satzverkürzungen ausgestatteten Sprache erlaubte es ihnen, das erste ausgefeilte Rechtssystem aufzubauen (Einschub von Dottore: dabei unterschlägt Pantalone das, was Karl Marx die „sozialökonomische Scheiße“ genannt hat).

Donnerstag, 17. Februar 2011

Schleifen des toten Feindes

Das Schleifen des toten Feindes mag in irgendeiner grauen Vorzeit üblich gewesen sein, aber schon im 7. Jahrhundert vor Chr. ist es letztlich für Homer ein überwundenes Verhalten. Er schildert das Verhalten des stärksten und schönsten Helden der Griechen vor Troia in Il. XXIV 12 ff. so:
„Die Frühe fand ihn (Achilleus), sobald sie erschien und Küste und Meer überglänzte. Wenn er die flinken Rosse sodann geschirrt an den Wagen, band er den Hektor fest am Sitz hinten zum Schleifen; dreimal zog er ihn dann um das Grab des Menoitossohnes, ruhete wieder im Zelt und ließ den anderen liegen, draußen im Staube vornübergestreckt. Indessen Apollon schützte vor jeder Mißhandlung den Leib, erfüllt von Erbarmen, …“ (Nach der Übersetzung von Rupé).

Darstellung der Schleifung des Hektors durch Achilleus auf einer Hydria aus der Leagros-Gruppe

Mittwoch, 16. Februar 2011

Guttenbergs Ghostwriter oder Charly und Sebastian

Also der Guttenberg plante eine politische Karriere, oder seine Familie legte es ihm nahe. So windschlüpfrig, wie er sich meist gibt, so schlau wird er auch sein. Also muss er bei der Arbeit an seiner Dissertation doch daran gedacht haben, dass später, wenn seine Karriereplanung umgesetzt wird, alle seine Schritte kontrolliert würden, also auch die Promotionsschrift. Da hat ER schon aufgepasst.

Nach meiner Einschätzung seines Doktorvaters werden intensive Gespräche mit dem Promovenden auch stattgefunden haben; auch neige ich dazu anzunehmen, dass Karl-Theodor dabei vernünftig argumentierte und den Eindruck hinterließ, die Materie zu beherrschen. Dies trotz der stetigen Belastung durch die anschwellende politische Arbeit, schließlich öffnet zwar der Name die Türen, aber man muss auch mit der eigenen Person den Raum füllen. Die Struktur der Arbeit war festgelegt, nur die lästigen kleinen Einzelarbeiten, hie eine Einführung, dort die Durchformulierung, dann dieses blöde Zwischenstück, sie alle wollten sich nicht so rasch und leicht einstellen. Da bot sich Sebastian an, der Kumpel aus alter Studienzeit, der höchst intelligent war, aber auch gleichzeitig ein bisschen verkommen. Sebastian sollte nun die Bruchstücke einer großen Konfusion schön zusammennähen und zu einem einheitlichen (windschlüpfrigen) Werk kompilieren. Das tat er auch, wobei zu bedenken ist, dass er sich gerne in Kneipen rumdrückt und mit der Zeit wurde die Zeit knapp. Ach, was gibt es doch für schöne Einleitungen, dachte Sebastian sich immer wieder und übernahm sie, der Charly wird es schon nicht merken. Alle merkten es nicht, bis jetzt. Ich möchte auf keinen Fall Sebastian sein.

Dass es sowas gibt, weiß Dottore als "Hilfssebastian" aus eigener Erfahrung.

Na, klar, sagt Pantalone, die Wissenschaften sind so korrupt wie die Banken. Nur Deppen haben noch Achtung vor beiden. Aber das mit dem Hilfssebastian passt zu Dottore.

Zur Versachlichung der Diskussion trüge doch die Klärung des Begriffes Zitat bei. Die Schlussfolgerungen mag dann der Leser ziehen.

Unbestritten ist, dass wir alle mit all unseren Gedanken, und kommen sie uns noch so eigen vor, „auf den Schultern“ unserer Vorfahren stehen. Dottore erlebte dies schon vor fast 5 Jahrzehnten: Bei einer arbeitsrechtlichen Hausarbeit ging es letztlich um den Sachverhalt der „schadensgeneigten Arbeit“. Im „Seminar“ , also der Gemeinschaft der die Hausarbeit lösenden Studenten, hatte sich eine feste Meinung zum Lösungsschema gebildet, als Dottore plötzlich eine Idee kam, die so ernsthaft dieses Schema angriff, dass alle erneut darüber nachdachten. Als Dottore weiter nachlas, stieß er auf eine Entscheidung des Reichsarbeitsgerichtes von 1932, die diese Meinung hochkant verwarf. So ist das mit den „neuen“ Gedanken.

Die Sage von den 99 Büchern, die man für eine Dissertation gelesen haben soll, um aus dem Gelesenen dann das 100. Buch zu machen, ist so abwegig nicht. Wer jedoch 99 Bücher intensiv gelesen hat, die in ihnen erhaltenen Gedanken zu einem neuen Ganzen fügen kann, der soll sich doch schon berechtigt mit dem bürgerlichen Adel schmücken. Allerdings ist dabei die Anforderung an den Schreiber, die Gedanken selbständig im neuen Zusammenhang auszudrücken (gegen Wolfgang Neuss: „Es reicht nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken“.) Nun dient ein Zitat dazu, eine treffende Formulierung zu verwenden, wobei die Stelle der Entnahme des Wortlautes anzugeben ist. Ein solches Zitat kann im Extremfall sogar einen ganzen Satz umfassen, weil schon seine Umformulierung die Tiefe des Gedankens verflachte. Aber mehr als einen Satz? Das ist dann schon eine Übernahme, keine Zitierung rechtfertigte dies. Hochgerechnet könnte dann eine Arbeit, die nur aus Übernahmen mit Zitatangabe bestünde, als eigenständige Leistung gewertet werden. Denn Anleihen gibt es in dem Bereich nicht, da der Verwender nie beabsichtigt, die geliehenen Worte zurückzugeben, es ist und bleibt Diebstahl, "Anleihe" ist falsch und euphemistisch.

Zur Wissenschaft und zum Zitat sei zum Abschluss folgende Geschichte erzählt: Dottore lernte einen leider ganz früh verstorbenen Privatdozenten kennen, der zu der Festschrift eines berühmten Politikers und Richters einen Beitrag verfasst hatte. Auf der ersten Seite wurde der Jubilar gleich zwei Mal mit unterschiedlichen Aufsätzen zitiert. Dottore meinte, das sei doch in der Direktheit zu liebedienerisch und daher peinlich. „Nein, nein“, sagte da der Verfasser, „das ist eine Scherz, den nur drei Menschen verstehen, der Jubilar, ich und nun Sie. Die zitierten Arbeiten habe ich unter seinem Namen geschrieben. Ich zitiere mich also selbst.“

Nach wie vor ist Dottore der Ansicht, dass Charly aufgesessen ist, für so schlau und vorsichtig halte ich ihn schon, aber Sebastian war und ist eben das Problem. Er war es, weil er abgekupfert hat, er ist es, weil er nicht zur Verteidigung, auch nicht von einem diesbezüglichen Minister, angeführt werden kann, weil es dann noch schlimmer würde.

Wie sagte doch schon die alte Dame aus der Familie der Gontard: „Mer hat nix wie Unmuß mit dene Leut!“

Für Peter Wittig

Nachtrag 1:
Nach der Erschießung des Herzogs von Enghien wurde über das Verhalten Napoleons bemerkt: „Das war schlimmer als ein Verbrechen, das war ein Fehler!“ Wenn Charly Sebastian beauftragte, dann ist das ein Verstoß gegen die Promotionsordnung und sollte den Entzug des epitheton ornans zur Folge haben. Sollte aber Charly das alles selbst fabriziert haben, dann müsste er zurücktreten, solch einen blöden Minister brauchen wir nicht.

Nachtrag 2:
Carolo resignato, causa finita

Nachtrag 3:
Neun Monate (verfasst Anfang Dezember 2011) reichen zwar aus, um einen neuen Menschen entstehen zu lassen, die Zeit ist aber viel zu kurz, um einen Menschen zu erneuern, der sich nachhaltig selbst fast zerstört hat. Was hat er denn in der Zeit getrieben? Nichts ihn nachdenklich Stimmendes! Ein großer Politiker, Bismarck, war die Ausbildung zum Juristen zu langweilig, er hat sie abgebrochen; aber nicht jeder Abbrecher muss eine derartige Karriere machen, auch wenn unser Gottesgeschenk sich "per membrum virile" dem Altkanzler anzunähern pflegt.

Um die Welt einmal in einem Beruf richtig kennen zu lernen, eine Sozialisation einmal ganz und seiner angemessen zu durchlaufen, täte er gut daran, schlicht Referendar zu werden, um dann anschließend zu verstehen, dass Recht nicht ist, sondern jeweils mühsam wird. Ansonsten wird er immer unglaubwürdig wirken, weil er es bislang ist. Und, wenn es dann mit der Politik nichts werden sollte, dann kann er Rechtsanwalt werden, was zumindest mehr ist als Sohn.

Sonntag, 13. Februar 2011

Im Schatten der Kollegmappe

Wir waren vom 21.05.1954 bis 4.06.1954 im Schullandheim in Holzhausen. Wir, das waren die Schüler der Klasse U III b des humanistischen Gymnasiums. Dieses war im Gebäude des jetzigen Gutenberg-Gymnasiums untergebracht, die Schule hatte zwei Zweige: "Huma" und "Real". Die vom "Huma" fühlten sich in der historischen Folge deutscher Geistesgeschichte, die uns damals so vermittelt wurde, selbstverständlich den traditionslosen Gesellen vom "Real" überlegen, die vorrangig Neusprachen und Naturwissenschaften lernten. Der feine Unterschied war schon an den Klassenbezeichnungen erkennbar: die Klassen im humanistischen Zweig wurden mit römischen Ziffern benannt, die im realgymnasialen Zweig mit arabischen. Sogar die Spitznamen der Lehrer war unterschiedlich; ein Studienrat, der in Mathematik und Religion unterrichtete und einen Turmschädel hatte, hieß bei den der platten Naturwissenschaft nahen Realgymnasiasten "Osram", während die Oberstufe des Huma von "Perikles" sprach.

Wir waren also Schüler einer "Huma"-Klasse, allerdings mit einem kleinen Makel. Als zweite Fremdsprache - nach Latein, vor Griechisch - lernten wir Englisch, während unsere Parallelklasse die einzige neuere Sprache erlernte, die vom Bildungswert angemessen war, also Französisch. Daher waren in unserer Klasse auch nur 35 Schüler, in der U III a jedoch 48. Es gab Klassen mit über 50 Schülern, nach oben wurde etwas ausgedünnt: "Pantalone, du musst dich nicht mit Latein abquälen, das schaffst du sowieso nicht! Werde doch Fliesenleger. Ich habe mir sagen lassen, so ein Fliesenlegermeister verdient mehr als ein Studienrat!" - Die antike Arroganz gegenüber dem Banausen wurde uns vorgelebt.

Das Schullandheim war wie eine ehemalige Reichsarbeitsdienstbaracke, stand in dem Dorf Holzhausen in der Nähe von Kassel und man muss es sich so vorstellen:

"Ein sauberer Holzzaun grenzt das Grundstück ab, Blumenkästen schmücken die Fenster, und von zwei Fahnenmasten flattern die Fahnen [- nein, nicht uns voran -] unserer Stadt und des Landes. So ist aus einem ehemaligen Fabrikgebäude im Laufe der Jahre der Mitarbeit der Elternschaft ein modernes, schmuckes, allen Anforderungen für die Belegung mit etwa 40 Schülern gerecht werdendes Heim entstanden, in dem sich die Jungen wohl fühlen, und das alle äußeren Voraussetzungen für das Gelingen der Arbeit schafft, die dort geleistet werden soll: Erziehung zu sozialem Denken durch Berührung mit den Bauern und Arbeitern, Gemeinschaftsbildung durch das Zusammenleben untereinander und mit dem Lehrer, Erziehung zur Selbständigkeit, körperliche Erholung und Ertüchtigung durch den Aufenthalt in der rauheren Luft Nordhessens, und durch das ausgewogene Verhältnis von Arbeit, Spiel und Wanderung." So StR Dr. Alban im Jahrbuch der Dilthey - Schule 1954/55.

Unsere Mitschülerin Vera wollte und konnte nicht mitfahren, da für sie kein Schlafraum vorhanden war. Daher brauchten wir einige Freiwillige aus der U III a, bis die erforderlichen 40 Schüler zusammen waren. Aus der Parallelklasse, in der Schüler wie Draheim und Mildenberger waren, fanden sich schnell einige, die "die rauhere Luft Nordhessens" dem Wiesbadener Schulklima vorzogen.

Unser Klassenlehrer, Herr Studienassessor Dobe, wurde von einem frischen, lockigen Referendar namens Milch begleitet und unterstützt. Mit einem Bus der Firma Fiehl fuhren wir ohne Herrn Dobe nach Holzhausen, nur Herr Milch war bei uns. Herr Dobe saß auf seiner 250er Ardie, da in Kassel seine Freundin wohnte, zu der er von Holzhausen aus nächtens fahren wollte, wie wir später recherchierten. Im übrigen galt Herr Dobe als Kommunist, was damals [und wieder jetzt?] ungefähr so schlimm war, wie wenn einer heute als Islamist enttarnt würde. Dies brachte ihm bei uns die Sympathie eines Outlaw wie Robin Hood - wir lernten Englisch! - ein.

In Holzhausen entpuppte sich Herr Dobe als jemand, der Lehrer an einer Napola hätte gewesen sein können: Mit uns wurde eine stramme paramilitärische Schulung durchexerziert. Nachtmärsche, Feldschlachten um Apfelsinenkisten, sämtliche Wanderungen nur nach Kompassmarschzahlen folgten aufeinander, spärlich unterbrochen von zaghaften Lateinunterrichtsbemühungen des Referendars, der doch lange nicht die bittere Schärfe unseres Lateinlehrers Dr. K. (Dottore tut ihm nicht die Ehre an, ihn mit vollem Namen zu erwähnen, er hat kein Anrecht auf Erwähnung im Netz) hatte.

Als wir nach Kassel zum "Herkules" wollten, war daher klar, dass ein Verkehrsmittel nicht benutzt werden würde. Von Holzhausen nach Kassel sind es 13 km, von der Innenstadt zum Denkmal noch einmal 7 km. Es war zwar erst Anfang Juni, aber die Sonne schien kräftig, die Straße war lange und staubig. Besonders entmutigend in Kassel war es überdies, dass man das Ziel schon von ganz weit sehen konnte, es aber auch nach längeren Beobachtungspausen seine Größe nicht veränderte, es erschien unerreichbar. Zudem gingen wir noch entlang einer Straßenbahntrasse, wobei die einzelnen Straßenbahnzüge uns in der Regelmäßigkeit ihres Fahrplans überholten.

In Dottore wurde der Wunsch übermächtig, wenigstens ein Stück mit der Straßenbahn zu fahren. Schon der Gedanke an die kühlen Holzbänke mit den Messingschrauben, an den Fahrtwind, sogar nur die Vorstellung, sitzen zu können, spornte ihn zu höchster Anstrengung an, wie er diesem elenden Marschieren entrinnen könnte. Nun gibt es seit alters her ein perfides Mittel, andere zum Handeln zu zwingen: Man schiebt ihnen Verantwortung zu. Dies ist besonders bei Lehrern erfolgreich, wähnen sie sich doch von jeher schon "mit einem Bein im Zuchthaus". Dottore aktivierte also einen im Jahr zuvor erlittenen Hitzschlag und erklärte meinen Mitschülern - tapfer weitermarschierend - , mir würde genauso schlecht wie im vorigen Jahr bei eben jenem Hitzschlag. "Dem Pantalone ist schlecht, der bekommt wieder einen Hitzschlag von der Sonne!" Besorgt erkundigte sich Herr Dobe, wie beiläufig erwähnte Dottore den Vorfall aus dem Jahr zuvor. Offensichtlich markierte er sein tapferes Weitermarschierenwollen zu vital, jedenfalls beschloss Herr Dobe, Dottore zwar vor Sonnenschein zu schützen, ihn aber nicht in die Straßenbahn zu setzen.

Herr Milch trug eine Kollegmappe in der Hand; das war eine jener aus beige-braunen Plastikmaterial gefertigten dünnen Mappen, die mit abgerundeten Ecken und zwei Reißverschlüssen damals neben pastellfarbenen Gabardinejacken ohne Kragen das Erkennungszeichen der Lehrer waren. Herr Milch wurde nun - heute würde Dottore sagen "dienstlich" - von Herrn Dobe aufgefordert, Dottore auf dem weiteren Weg mit Hilfe der Kollegmappe Schatten zu spenden, jedenfalls solle sein Kopf immer im Schatten sein: "Sonst fällt mir der noch um!"

Und so marschierte Dottore nun von da an durch ganz Kassel im Schatten der Kollegmappe, die der geduldige Herr Milch immer so zwischen die Sonne und Dottores Haupt hielt, dass es im Schatten war. Sein Ziel hatte er nicht erreicht, aber nun konnte er auch nicht mehr von seiner Hitzschlaggefährdung weg, ohne das Risiko einer Ahndung einzugehen. Die Mitschüler feixten, aber treu und gehorsam hielt der Referendar an der ihm erteilten Anordnung fest, mochte er auch an deren sachlicher Berechtigung immer mehr zweifeln. Anfangs fühlte Dottore sich wie Robinson, dem von Freitag ein Sonnenschirm aus Fellen hinterher getragen wird. Später wurde es ihm zusehends peinlicher und so entließ er schließlich bei Eintritt in den schattigen Park des Schlosses Wilhelmshöhe huldvoll seinen Schattenspender.

Befreit stürmte Dottore mit seinen Mitschülern durch den Park bis zum Oktogon, auf dem die Riesennachbildung des farnesischen Herkules steht. Auf einem Treppenabsatz machten alle Halt und schauten nach unten. Es kam eine Mädchenklasse, eines der Mädchen trug eine gelbliche Nyltestbluse. Nyltest war eines der ersten Kunststoffmaterialien in dieser Zeit und unter bestimmten Bedingungen durchsichtig. Diese waren gerade gegeben, man erkannte mehr als man ahnen musste, dass dieses Mädchen einen schwarzen Büstenhalter trug. Dies wiederum veranlasste Dottore, sich grossprecherisch über die nun doch verhüllten sekundären Geschlechtsmerkmale des Mädchen auszulasssen. Seine Mitschüler hörten ihm zwar zu, schauten ihn aber dabei so eigenartig an, so dass er sich umdrehte und dabei Herrn Milch entdeckte, der - unbemerkt von Dottore - hinter ihn getreten war.

Damals waren derartige Ausführungen in der Schule äußerst verpönt, man lebte schließlich noch in den fünfziger Jahren. Aber, Herr Milch sagte wiederum nichts, verpetzte ihn auch nicht bei Herrn Dobe, nur den Blick, mit dem er Dottore anschaute, wird er nie vergessen: Ohne sich in die Reihe derer einordnen zu wollen, die behaupten, sie könnten Gedanken lesen, ist er sicher, dem Blick die ironisch-verzweifelte Erkenntnis entnommen zu haben, "deswegen habe ich doch wohl nicht durch ganz Kassel die Kollegmappe über seinen Kopf gehalten".

Wenn Dottore dies alles nicht so genau noch wüsste, er würde selbst nicht glauben, dass so etwas geschehen ist, geschehen konnte. Dottore hat die Geschichte auch oft erzählt, weil sie in ihrer Absurdität über die Schule damals mehr aussagt als manche Analyse. So hat also diese Geschichte auch wiederum selbst eine Geschichte und zudem ihm 33 Jahre danach zu einem Erlebnis verholfen, das er zuvor nur in der Anekdote von Hebel über das Bergwerk zu Falun lesend erfahren hatte: Die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit.

Als Dottores Sohn das Gymnasium besuchte, das – mit anderem Namen – das alte Huma ist, traf er einen reizenden älteren Herren mit weiß gelockten Haaren, einen Lehrer, der kurz vor der Pensionierung zu sein schien. Es war – leicht zu erraten – jener brave und liebenswürdige Referendar, der in der Geschichte immer jung geblieben, während Dottore selber immer älter geworden war. Die Gnade der selektiven Erinnerung hatte ihm allerdings die Episode aus dem Gedächtnis gestrichen.

Pantalone meint: So, wie der den Dr. K. zu hassen scheint, so geht er auch mit mir um.