Montag, 27. Oktober 2014

Pantalone in Kleinasien

„Meinst Du nicht, wir müssten unser langes Schweigen wenigstens erklären?“

„Das verstehe ich nicht, wir hatten mit diesem Unternehmen doch beabsichtigt, uns zu konzentrieren, also Du solltest gute Bilder machen und ich präzise Texte. Die Veröffentlichung war allenfalls als Kontrolle gedacht, dass wir uns nicht blamieren, also Schmonzes schreiben oder verwackelte Bilder präsentieren. Aber Rechenschaft müssen wir nicht ablegen.“

„Das ist wieder typisch, nein, das darf ich nicht sagen, also es ist charakteristisch für Dich, selbstgefällig und letztlich arrogant zu sein, Dottore!“

„Also, wenn Du das Bedürfnis hast, Dich vor der anonymen Welt der Bloggerbesucher zu rechtfertigen, dann mach es, ich beteilige mich daran nicht!“

„Wir waren dabei, Postkarten von Smyrna zu sammeln, es wurden weit mehr als 1600. Wenn wir die ins Netz stellen, dann werden wir darauf hinweisen. Aber nun zum Thema!“


Pantalone überkam in diesem Frühjahr das Fernweh, also die  gebärdige Lust, nochmals in das Land seiner frühen Reisen zu fahren. So orderte er die Flüge, was durch die Beschränktheit der Buchungsprogramme der Fluglinien nicht in einem Zuge geht, wenn man nicht vom Ankunftsort zurückfliegen will, nämlich so dämlich sind deren Programmierer. Leider ließ es sich nicht vermeiden, dass der andere Namensgeber dieses Blogs mitfuhr, das ist aber eine andere Geschichte – im Vertrauen: so schlimm war es gar nicht.

Die Route war festgelegt, zuerst entlang der Südküste bis Antakya, dann in einem großen Bogen – Kappadokien aussparend wegen der vielen Touristen und der dadurch deformierten Türken – durch das innere Kleinasien nach Lykien, wie schon seit jeher empfohlen. Die Reihe der Bilder erscheint willkürlich. Ausgewählt wurden sie nach ihrer Ansehnlichkeit und der subjektiver Bedeutung. Diese ergab sich auch aus dem Reiz der Stätte, der zugemessenen Bedeutung des Objektes, also eben willkürlich. 40 Tage und 58 Kirchenruinen später war er wieder zu Hause.


Vor 20 Jahren wurde man in Selge von einer Schar Kinder empfangen, die nachdrücklich immer „BOMBOM“ riefen, also von dem Besucher die Befriedigung ihrer Naschhaftigkeit erwarteten. Hatte man nun keine Süßigkeiten dabei, dann klebten sie während der gesamten Besichtigung an einem, das besagte Wort immer trauriger murmelnd. Heute muss man sich von Frauen freikaufen, die – überraschend kundig – sich nicht nur an die Fersen heften, sondern tatkräftig die Führungsaufgabe übernehmen, ob man das will oder nicht. Da zu den fünf Essentialen des Islam auch das Almosengeben gehört, das Einkommensgefälle doch recht steil ist, nun da gibt man ihnen eben den erhofften Unterhaltsbeitrag. Der Besuch der Stätte kostet ansonsten nichts, das Theater grenzt sich wie das in Thorikos mit einem breiten Graben von dem Felsen ab. 


Die Stadt Side versuchte am 27. Mai 2012 ihre Attraktivität dadurch zu erhöhen, dass sie ein privates Geschwader rot angemalter Starfighter anheuerte, die mit dem ihnen eigenen Lärm Tiefflugübungen über dem Stadtgebiet abhielten. Ein zusätzlicher Grund, diese Gegend zu meiden. Beim Wegfahren aber sollte man den Resten des Aquäduktes folgen, man wird in die Berge geleitet. Dort liegt – etwas abseits – eine Stätte, die man früher als Seleukia i. P. identifizierte, wahrscheinlich aber Lyrbe war. Im Mai waren wir dort drei Stunden allein. In großer Ruhe und mit angemessener Konzentration erkennt man dann auch das hinter dieser Fassade errichtete Bouleuterion.


Von Archäologen sollte man erwarten, dass sie über das berichten und das beurteilen, was sie selbst kennen und wissen. Ioatepe ist ein Dorf an der Mittelmeerküste gewesen, es liegt an einer Bucht. Diese wird von ihnen als „Hafen“ bezeichnet, keiner war wohl einmal auf dem Mittelmeer mit einem Boot oder Schiff unterwegs. Diese Bucht erlaubt allenfalls bei günstiger Witterung ein kurzes Anlanden, danach muss eiligst die Stätte verlassen werden, ansonsten würde das Gefährt an die Felsen geworfen. Von den Archäologen des Jahres 4014 verlangt auch niemand, dass sie eine desmodromische Ventilsteuerung erläutern können, sie sollten aber von Ducati schweigen. 


Müller-Wiener hat für Deutschland das Tor zur Burg im Orient geöffnet, denn nicht nur am Rhein oder in Bayern hausten die ollten Rittersleut. Das Buch hat auch Ekrem Akurgal ausdrücklich gelobt. Die Armenier haben auch nach ihrem Umzug in südlichere Gefilde noch präzise gebaut, die Kreuzfahrer haben das Gemäuer nur zeitweise benutzen dürfen. Mü-Wi hat Tokmar nicht behandelt.


Würde man in Mitteleuropa durch die Apsis ins Innere einer solchen Kirchenruine sehen, man legte sich hinsichtlich der Erbauungszeit auf das 9. bis 10. Jahrhundert fest, aber der Ort liegt im Rauhen Kilikien, dort wo Kleinasien nach Zypern hin so einen Bauch hat. Man weiß es, man kennt es, aber es ist immer wieder verwunderlich, wie aus- und durchgebildet die Kirchen der frühbyzantinischen Zeit sind. Sie haben noch die Präzision der Antike, jedoch atmen sie schon christliches Mittelalter, das im 5. Jahrhundert! Falsch wäre es, eine unmittelbare Kontinuität zu den Bauten der Präromanik anzunehmen, dazu war die Kommunikation damals doch zu dünn. Hinfahren, ansehen!  


Wenn man jung ist, glaubt man noch, man könne Entdeckungen machen. Das mag in den Naturwissenschaften noch möglich sein, auch in Archiven, aber auf der Erdoberfläche ist alles schon erkannt, allenfalls nicht im richtigen Publikationsorgan veröffentlicht. Wer sich als Einzelreisender bis Olbia durchgeschlagen hat, der sollte noch ein wenig weiter nach Tapureli fahren. Auf einem länglichen Felshügel, der sich quer zu einem Canyon erstreckt, liegen inmitten Buschwerk die Ruinen eines bislang seinen damaligen Namen verbergenden byzantinischen Ortes. Ein überbauter Tempel, vier Kirchen, eine Prunksäule (für wen?) sind die Reise wert, von der Landschaft und der sich zwangsläufig einstellenden Ruinenromantik abgesehen.


Alt-68er wissen es seit Jahrzehnten, den anderen dämmert es so langsam, Wissenschaft ist immer auch politisch. Die Türme in der Antike sind ein Musterbeispiel dafür. In Zeiten, da es für einen Akademiker unumgänglich war, auch Reserveoffizier zu sein, da waren alle Türme militärische Anlagen, und standen sie auch einsam, ohne Fernsicht, abgelegen, herum. Dann fing man an, an dem Primat des Militärischen zu zweifeln, und siehe, man entdeckte Scherben und sonstige Spuren bei den Türmen, die eindeutig belegten, hier war ein Bauernhof. Wenn heute der Vulkan unter dem Maar von Maria Laach wieder ausbräche und halb Europa erneut halbwegs zerstörte, dann würden die Archäologen des Jahres 4014 bei der Ausgrabung des durch den Bims verschütteten Rheintales zuerst einmal feststellen, die am Rande des Tales liegenden festungsartigen Bauten waren Gasthäuser, nie und nimmer Zollburgen oder ähnliches. Am Nordrand von Korykos steht dieser Turm, offensichtlich aus Spolien errichtet. Nach dem Ende der dauerhaften Besiedlung der Stätte hatte er seine ursprüngliche Funktion als Verteidigungselement verloren, war jedoch immer noch nicht eingestürzt, also ging der Mensch, der in der Umgebung Olivenbäume hatte, daran, sich dort einzurichten. Das sieht man an der Ölpresse, die das Gewicht des Turmes als Widerlager brauchte. Umfunktionieren ist eben uralt.


Nachdem das Christentum das römische Kaiserhaus unterwandert hatte, konnte man daran gehen, für den Gottesdienst aus den Privathäusern in eigene Bauten umzuziehen. Die heidnischen Tempel waren dazu nicht primär geeignet, sie waren Behältnis der Gottheiten und nie Versammlungsraum gewesen, zudem wurden sie noch benutzt. Erst unter Theodosius kam ein wenig Pep in die Aneignung der Heidentempel. Diese Kirche in Hierapolis Kastabala ist auf dem Platz eines antiken Bauwerks errichtet, wobei man praktischer Weise auch gleich dessen Steine verwendete. Die Bögen stützen sich auf korinthische Kapitelle, oben zieren die früheren Orthostaten die Apsis. So dokumentiert man die Überlegenheit des neuen Glaubens. Das Bauwerk ähnelt insoweit dem Bild, auf dem der IS-Krieger sich an der Haube der syrischen MIG zu schaffen macht.


So weit ist Kaiser Rotbart nicht gekommen, aber die armenische Burg in Anazarbos stützt Ludwig Uhlands Behauptung: „viel Steine gabs und wenig Brot“. Die Kontinuität eines Siedlungsplatzes birgt immer die Gefahr, dass zu viel aus unserer heutigen Sicht von den zwischenzeitlichen Bewohnern beseitigt wurde; der Spuk der autogerechten Stadt hat bei uns viel vernichtet. Aber Anazarbos wurde verlassen, lange bevor es Leute gab, die sich anmaßen, Stadtplaner sein zu können. So gibt es Römisches – in griechischer Manier –, Byzantinisches und Armenisches zu bewundern, die einst winzige Abschlachtungsstätte, das Amphitheaterchen, ist weitestgehend vergangen. Das weitläufige Stadtgebiet enthält das Typische: Thermen, Basiliken, ein Stadion, das mehr wie ein Hippodrom aussieht, und ein Theater. Wer dorthin gelangt ist, der kann auch auf dem alten Felssteig zur Burg weiter hinaufklettern.


Mitleid hatte der seldschukische Architekt, der im 15. Jahrhundert damit beauftragt war, die Kirche in Flaviopolis in eine Moschee umzuwandeln. Diese byzantinischen Doppelsäule hatte im Laufe der Zeiten – immerhin stand das Gebäude schon fast 1000 Jahre – ihr Kapitell verloren. Er ließ ein neues anfertigen, nun nach der Mode der Seldschuken, das jedoch nicht sehr beständig war, bei der letzten Renovierung musste auch es ausgewechselt werden. So stützt nun eine byzantinische Doppelsäule mit einem fremden Kapitell die Bögen der Apsis in der Alaçami zu Kadirli.


Nach zwei Kurzbesuchen sollte nun dieses Jahr der Hatay uns einen freudigen Aufenthalt bescheren: dazu hatte er keine Lust. Er war ein wenig garstig und abweisend zu uns. Das Symeonskloster steht auf einem Berg, der mit Winderzeugern übersäht ist. Zwar führt zu deren Erschließung eine neugebaute Straße hinan, aber das Kloster war „kapale“, geschlossen. So musste Pantalone sich in einen „Engländer in Indien“ verwandeln und die Besichtigung er – dragonern, wie das Rott in  „Kleinasiatische Denkmäler“ S. 316 bezeichnet. So mag man mit fremden Menschen eigentlich nicht umgehen. Daher fiel denn der Besichtigung die Muße zum Opfer. Aber dies Korbkapitell entspricht im Ansatz doch zu genau der Anekdote, mit der Vitruv die Findung des korinthischen Kapitells durch Kallimachos erklärt.


Das berühmte Museum nahm nur 1/3 des Eintrittspreises, dafür waren auch nicht alle Mosaiken zu sehen. Immer wenn man eine männliche Figur mit Keule sieht, weiß man, da ist wieder der kräftige Sohn des Gottes. Warum sich die Griechen dieses Wesen zum Heroen erkoren haben, bleibt Pantalone unklar. Das Ehebruchskind bekam einen Namen, mit dem die Hintergangene gepriesen wurde; er war nur stark, die Listen des Odysseus oder die Gedanken eines Thales oder die Kunstfertigkeiten eines Daedalos waren ihm fremd. Er war ein Kraft- und Dummbeutel. Er war der Sohn Gottes; ohne ihn konnte die Welt nicht gerettet werden; er erlitt einen Martertod; er war sterblich, wurde aber sogleich in den Himmel aufgenommen. Wer nun Parallelen sieht, ist nur ratlos.


Es ist schon eigenartig: In Europa empfindet Pantalone bei der Besichtigung von Kirchen, dass es einen Unterschied ausmacht, ob sie protestantisch geworden sind, oder noch katholisch be­nutzt werden; der verwehte Geruch von Weihrauch ist ein sinnliches Essential des ästheti­schen Genusses. Die Differenz zwischen Widmung des Gebäudes und Besucherverständnis ist noch erheblich größer, wenn der Mythos überhaupt nicht mehr verstanden, noch nicht einmal geahnt wird. Dies tritt in der Türkei dann besonders in Erscheinung, wenn die Reste der Kirche noch eine stattliche Ruine sind, sie gar restauriert worden sind. Aber bei der Kizil Kilise ist das anders. Obzwar ein türkischer Architekt die Restaurierung leitete, hat der Geist der europäischen Spender doch gewirkt, es ist die kirchlichste Restaurierung im gesamten Kleinasien.


Auch dieses Bauwerk ist mit Anstand in den jetzigen Zustand gebracht worden. Als Haynes die Quelle aufsuchte und photographierte, da ragte sie aus dem Teich nur mit dem Teil, der mit Flechte überzogen ist. Die unteren Halbgötter, aus deren Leiber das Wasser hervorsprudelt, waren unsichtbar im Wasser verborgen, dabei verdeckt das Wasser selbst bei heutigem Stand ihren knospenartigen Unterbau. Eflatun bedeutet im Türkisches mehreres: Zum einen Plato, und dies erweiternd Gelehrter, Philosoph, zum anderen hellviolett. Die Hirten und Karawanenführer, die an dieser Quelle ihre Tiere tränkten, werden bei der Benennung der hitit pinar wohl eher an die Farbe der Flechten, denn an den yunan feylessof gedacht haben.


Der Bohrer gehörte schon seit langem zu den Werkzeigen der antiken Steinmetze. Die gekonnte Handhabung des Gerätes verführte immer schon zu der Kunstfertigkeit, durch Bohren Höhlungen unterhalb einer anderen Struktur zu schaffen, zuerst um diese hervorzuheben. Später dann war das Aushöhlen des festen Materials Stein Selbstzweck geworden, nur Fragiles war noch vorzeigbar, aber dann sind wir schon in dem frühbyzantischen Zeitalter. Kein Mensch erfasst die Epoche, in der er gerade lebt, das Denken in Epochen ist immer ein nachträglicher Vorgang. Unbeschwert also von unserer begrifflichen Zuordnung hat dieser Steinmetz seine Höhlungen erbohrt. 


Wer einmal Skitouren gemacht hat, der kann dieses Bild des Berges, der östlich der Tefenni-Ebene liegt, nicht betrachten, ohne dass er sich eine Route sucht, wie man am besten und schönsten die Abfahrt gestaltet, obwohl es schon ziemlich aper ist. Mit einigem Geschick könnte man es bis zu dem Weg, der unten quert, schaffen, ohne die Skier abzuschnallen. Aber dafür braucht man doch nicht in die Türkei zu fahren! Stimmt, aber es juckt einen eben.


Die Handhabung des Arbeitsgerätes der griechischen Steinmetze war nicht auf das eigentliche Werkstück beschränkt, sondern sie benutzten es, um die Welt zu verändern. Keine der anderen Mittelmeerkulturen hat so die Grundlage der Bauwerke verändert wie die griechische. Ist das Gebäude beispielsweise durch den Bedarf der Kalkbrennner völlig verschwunden, so ist immer noch die Felsabarbeitung vorhanden, aus der man die horizontalen Abmessungen des nun zum Phantom gewordenen Bauwerks erschließen kann. Der griechische Baumeister trennte nicht zwischen anstehendem Fels und hinzugesetztem Haustein. Das haben die Steinmetze auch an ihre byzantinischen Erben weitergegeben. Die Kirche 2 auf Gamiler Adasi (be)steht im Süden, also rechts, au(s)f Fels, links, also im Norden auf gemauerten Fundamenten.


Die Weitläufigkeit der Stätte Xanthos ist für die meisten Besucher der Grund, ihrer Bequemlichkeit zu frönen. So sehen sie die riesige und dennoch großartige Ruine der „Wallfahrtskirche“ oben auf der Oberburg nicht. Wurde dieses Kapitell umgearbeitet, wurde aus einem antiken Kapitell korinthischer Ordnung ein Bauteil mit drei Zonen?  Unten die stehengebliebenen Akanthusblätter, darüber die strengere Zone mit den weggeschlagenen Blättern, dann der typisch christliche Kranz mit Weinlaub und rübenförmigen Herzen. Ein Genuss der Weitsicht dort oben findet nicht statt, zu eintönig ist die Sicht auf das Xanthosdelta mit seinen Gewächshäusern aus Plastik.


Ein bisschen hat Heraklit immer recht: Der Krieg ist aller Dinge Vater, so auch des Çay in der Türkei. In den von uns kaum beachteten Kriegen zwischen dem Reich der Romanows und dem der Osmanen lernten die Türken, dass in Grusinien Tee wächst. Im Krimkrieg hatten die Briten ein Teeembargo über Russland verhängt, das durch den Anbau dort versuchte, diese Abhängigkeit zu überwinden. Nach dem ersten Weltkrieg war für Atatürk der Aufbau seines Landes wichtig, die Ausgabe der kostbaren Devisen für Kaffee war nicht gelitten. So stieg denn das Land auf Tee um, die Schwarzmeerküste bot ähnliche klimatische Verhältnisse wie Grusinien. Seit 1958 ist die Größe der Teegläser gewachsen, ansonsten gibt es in den Innenstädten häufig Teelefone. Abenteuerliche Verdrahtungen verbinden die Geschäfte mit der regionalen Teeküche, auf ein Klingelzeichen hin erscheint ein meist junger Mann mit einem Tablett, auf dem die gewünschte Zahl an Teegläsern steht. Das bewirkt aber Frieden.


Recyceln auf dem Bau heute in Deutschland bedeutet, dass alle Spuren der Vergangenheit restlos beseitigt werden. Es bleiben übrig: Betonsplit und verbogener Monierstahl. In der Antike handelte man da überlegter. Dieser Block war schon zuvor Teil eines Bauwerkes in einem klassischen Bauwerk gewesen, als es in vespasianischer Zeit dazu benutzt wurde, um in einer Therme den Türsturz abzugeben. Man baute im griechischsprachigen Teil des römischen Reiches gerne noch ohne Mörtel. So richtig gut waren die Baumeister aber nicht mehr. Der Stein liegt ungleich breit auf, die rechte Auflagefläche war nicht angepasst worden, denn nun platzte an deren linker Seite wegen einer Unebenheit von dem Türsturz eine Steinschicht ab. Jedoch die römische Baukunst konnte das verkraften: Die eckigen Löcher im Stein rühren von den Dübeln her, die für die Marmorverkleidung notwendig war. Oben hui, unten – na ja.


Wer die Anastilosis schätzt, beginnt daran in Patara zu zweifeln, wer ihr sowieso skeptisch gegenüber steht, der hält es kaum aus. Der Leuchtturm war lange Zeit ein Steinhaufen im Sand, nun ersteht er „wie neu“. Aber er ist eben türk malle, die Arbeiter des umgebenden Vierecks durften offensichtlich keine Wasserwaage benutzen, und so schneiden sich die Linien des Bauwerks nicht im Unendlichen, sondern es ist eben Murks. Die Einsicht, die jeder Türke hat, seine Mutter sei schön, obwohl sie alt ist, können sie nicht auf Bauwerke übertragen.


Man kann die Welt durch eine Brille betrachten, die nur Ästhetisches durchlässt. Jedoch ist es auch dann erhellend, darüber nachzudenken, wie waren die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse derer, für die die künstlerischen Erzeugnisse seinerzeit gemacht wurden. Wer die Kirchen im südlichen Lykien aufsucht, ist zuerst verwundert, an welch abgelegenen und unzugänglichen Stellen sich diese Kirchen befinden. Macht man dann die Augen auf, so entdeckt man auf dem gegenüberliegenden Berg, dass der dortiger Wald auf über fünfzig Terrassen wächst, die auch seinerzeit mühselig errichtet wurden. Ihre Existenz war die Grundlage dafür, dass die Bauleute bezahlt werden konnten; der heutigen Einsamkeit steht die spätantike und frühbyzantinische Betriebsamkeit gegenüber. Damals schätzte man in dieser Region die Kapitelle, deren Akanthusblätter so lang waren, dass der Wind sie verwehen konnte.   


Die Fundleere vieler Stätten auf der Welt rührt daher, dass rührige Ausgräber die wichtigsten Gegenstände in Museen überführt haben. Wenn man also am Ort nichts sieht, dann kann man sich damit trösten, im Museum in ... , da kann ich das in aller Ruhe betrachten. Wer solche Gedanken in Trysa hegt, wird grausam enttäuscht. Die ziemlich rabiat aus dem quadratischen Mauergeviert herausgerissenen und dann wegen des leichteren Transportes auch noch abgemeißelten Reliefplatten des Heroons dümpeln seit 123 Jahren in Kellern Wiener Museen vor sich hin. So unfähig sind die in Wien, dass es ihnen in solch langer Zeit nicht gelingt, eine adäquate Ausstellung zustande zu bringen. Adäquat heißt in diesem Zusammenhang auch, dass die Wegnahme sich vor der Menschheit nur rechtfertigen lässt, wenn eben eine Vielzahl von Menschen so in die Lage versetzt werden, sich die Beute zu betrachten.

Jüngst haben sie einem armen Archäologen die Last auferlegt, sich mit türkischem und kakanischem Ausgrabungsrecht zu befassen, mit dem schon vor Auftragserteilung feststehenden Ergebnis, alles war damals in Ordnung. Auch die Bestechungen? Jedenfalls müsste sich die Türkei die Schäbigkeit der osmanischen Zollbediensteten anrechnen lassen. Danach wurde eine „tüchtige“ Altertumswissenschaftlerin daran gesetzt, die Reliefs wieder einmal unter völlig neuen Gesichtspunkten zu publizieren. Sehen wollen wir sie! Ausstellen sollt ihr sie! Alles andere ist Schmonzes –  und so ist die Nachwirkung des Habsburgischen Kulturimperialismus ein fortdauerndes Verbrechen an der Kultur.

Daher muss man sich in Trysa im Tal halten und dabei einen der schönsten Eichenhaine genießen, den es in der Türkei gibt.


Was aussieht, wie aus Beton gegossen, ist der aus dem Fels gehauene Ostteil der Basilika von Alacahisar. In der zentralen Apsis des Trikonchos  liegt Erde, die vermaledeiten Raubgräber haben das Synthronon freigewühlt. Dabei kamen Steine der Kuppel zum Vorschein. Der Zugriff auf die Lochstickerei der damaligen Steinmetze ist offenbar. Noch 300 m entfernt vom Bauwerk lag ein beim Abtransport abgebrochenes Teil eines derartig in Leichtigkeit verwandelten Steines.


Glücklich kann sich der türkische Archäologe schätzen, der eine hellenistische, gar römerzeitliche Stätte ausgraben darf. Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die sich mit älteren Resten der Vergangenheit beschäftigen, muss er nicht in die Ideologie der gegenwärtigen Altertumswissenschaft der gegenwärtig dort wohnenden Völkerschaft verfallen, er braucht nicht vom anatolischen Erbe herum zu sülzen. Peinlich daran ist nur, dass eben auch europäische Ausgräber glauben, in den Chor einstimmen zu müssen. Nicht nur Fernsehjournalisten haben die Schere im Kopf, auch diese Wissenschaftler nehmen sich nicht die Freiheit zu denken und zu schreiben. Aber, auch die beschädigte Volute strahlt Würde und Vollkommenheit aus.


In der Web­site „Theatrum“, die auch von Pantalone mit Bildern versorgt wird, war eine Kuhle des Tells zu sehen, der Antiocheia bedeckt/bildet, den er seinerzeit genau abgegangen hatte. Da war nie ein Theater gewesen! Also suchte er in Google Earth und fand am Nordrand eine Stelle, die nach Theater „stank“. Als Pantalone mühselig (für das Auto) dorthin gelangt war, gab es nichts zu erkennen, nichts zu fotografieren, allenfalls konnte man etwas erahnen. Also streunte er nun weiter aus, Ergebnis: Kein Theater entdeckt, aber ein Stadion gefunden. Es liegt auch am Nordrand der Stätte, es schließt sich die Ebene an. Auf der Bergseite, der nördlichen, ist das Stadion in guter griechischer Art mit seinen Sitzreihen auf den ansteigenden Hügel platziert worden. Dagegen musste die Talseite mit Schräggewölben a la Perge ausgestattet werden. In der Mitte die ehemalige Laufbahn, die neuzeitlichst zu einer Olivenplantage umgewandelt wurde. Das Dornengestrüpp ist sehr hoch, aber dieses Dornröschen des antiken Stadionbau musste erlöst werden.


Das sind sie, die zuvor einmal angesprochenen türkischen Viehgangln. Zwar fällt in vielen Gegenden der Türkei im Jahresdurchschnitt die gleiche Regenmenge wie in Mitteleuropa, aber eben nur im Durchschnitt. Also regnet es heftiger und vereinzelter, dazu die stärkere Sonneneinstrahlung, eben ein etwas anderes Klima. Die importierte Rindersorte musste natürlich stark milchgebend, ergo schwer sein. Der kurzfristige Vorteil der üppigeren Milchabgabe korrespondiert mit der fortschreitenden Erosion durch die breiten Kuhwege. Zudem ist die Hirtenschaft auf das neuartige Hütematerial noch nicht eingestellt, dieser Kuhhirtin ist ihr Vieh abhanden gekommen, zu versunken war sie in ihre Handarbeit. Schafe sind da folg-, da genügsamer.


Das Theater von Stratonikeia ist eines von vielen in Kleinasien. An kaum einem Bauwerk wie diesem kann man so plastisch das Wüten des Erderschütterers Poseidon erkennen, die gesamte rechte Seite ist „verworfen“. Oben aber krönt dieses liebliche Propylon „des Theaters Rund“ als Übergang zum dahinter einst thronenden Tempel.


Auf der Fahrt nach Myndos muss man die Bodrumhalbinsel durcheilen, dort sieht es genauso aus, wie man es vor 40 Jahren verhindern wollte, keine spanische Sünde hielt die Türken davon ab, auch sie verhunzten ihre Landschaft. So glaubt man denn, die Kehrseite der touristischen Medaille zu erspähen, es ist aber keine Medaille sondern schale Münze, auf beiden Seiten wölbt sich der gleiche Unrat hervor. Auf dem Bild geschieht in Handarbeit, was sich bei uns in verbergenden Räumen vollzieht: Mülltrennung; allerdings wohnen die Trenner nebst Familie gleich nebenan.



Im Grunde genommen müssten die Archäologen Polyhistoren sein, zu vielfältig ist das, was man entdecken könnte. Darum haben sie sich – in Deutschland – auch Jahrzehnte lang nur um „Haupt- und Staatsaktionen“ gekümmert, Hauptsache es war Kunst. Selbst die Ausgräber einer ergatterten Stätte können oder wollen nur zu geregelter Zeit am Ort sein, so entgeht ihnen vieles. Wer Deutschland immer nur im Hochsommer besucht, wird nie erfassen, was Schneefanggitter sind. In Priene gab es unterhalb des Tempels einmal eine Quelle, die über die Jahrhunderte langsam versiegte, nur in der regenreichen Zeit sondert sie noch Wasser ab, danach können einige Wochen noch Pflanzen dort wachsen. Ein Frankfurter war offenherzig genug, für ihn Neues aufzunehmen. Daher für ihn, aber auch für die scherbenwaschende Gemahlin, die Blumen von besagter Stelle. 

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