Mittwoch, 17. Juni 2015

Padova Freres 5

Dieser Schlaumeier, der fast immer die Texte verfasst, hatte Unrecht oder aber er verkannte die Hartnäckigkeit von Pantalone. Denn emsiges Gewinnstreben gelingt auf Dauer eben nur mit einer kontinuierlichen Haltung, da ist das Erhaschen von Aufmerksamkeit wie in der Wissenschaft – oder in dem, was sie meint zu sein – ein nur kurzsichtig errungenes Ergebnis. Seine Prophetie, es gelängen keine weiteren Fänge von Padova-Freres-Bildern im Netz, ist wie alle menschlichen Versuche, die Zukunft vorherzusagen, nichts weiter als „eitel Schall und Rauch“. Daher überlässt Pantalone ihm auch nicht die fällige Kommentierung.


Also die Italiener waren drauf und dran, den gesamten Südwesten Kleinasiens an sich zu reißen. Ihren Verbündeten, Großbritannien und Frankreich, passte das nicht, aber das Streben nach der umfassenden Mittelmeerherrschaft trieb sie an. Neben der realen militärischen Besetzung wurde auch ein Propagandafeldzug begonnen, so das Hissen der italienischen Tricolore an Weihnachten 1918. Ein halbes Jahr später sind sie schon in Kusadasi und bauen offenbar Landungsplätze aus. Höchste Zeit für ihre Weltkriegsverbündeten, den Griechen die Umsetzung ihrer nicht weniger spinneten „Megali Idea“ zu ermöglichen.



Woher stammen die Brüder? Eine Affinität zum Italienischen ist vorhanden, auch zu jüdischem Geschehen, das relativ belanglos war, gibt es Verbindungen. Aber wir sollten uns mit ihrem Auftreten und Verschwinden begnügen – einem Kometen gleich; übrigens nur wenigen ist gegeben, so etwas zwei Mal zu sehen, gelungen ist es einem, der im Gegensatz zu seinem Namen älter wurde.

Wieder einmal übernehmen Pfadfinder die Funktion der Protagonisten, zumindest verkörpern sie den Willen, sich den anderen anzugleichen, ein fragwürdiger Ehrgeiz, allerdings bei „Pfadfindern“ eher harmlos. Das zweite Bild wurde schon in Padova 2 gezeigt, hier nun einen besseren Abzug, er hat den Vorteil, dass der Gegenstand des Begehrens der 20 Feldspieler zu sehen ist.


Die Zahl der Photographen wird in Smyrna 1919 nicht unbegrenzt groß gewesen sein. Da liegt es nahe, bei Bildern des gleichen Ereignisses dann Vermutungen anzustellen, wenn deren Ergebnis zumindest plausibel erscheint. Wäre es nicht naheliegend, dass der Photograph, der das linke Bild geschossen hat, dann weiter am Kai bis zum Hotel Kraemer gegangen ist, um ein weiteres zu machen? Das Betrachten des rechten Bildes ist eine Einladung zur Zustimmung, auch dies stammte von den Padova-Freres. Damit der Leser leichter einwilligt, ist es mit der üblichen Inschrift der Gebrüder versehen worden.


Pantalone bedauert es grundsätzlich nicht, sich in Militäruniformen nicht auszukennen, obwohl die Interpretation des linken Bildes durch das Gegenteil erleichtert würde. Also muss wieder mit der Methode des Vermutens gearbeitet werden. Die weißgekleideten Herren dürften italienische Seeoffiziere sein, ihnen stehen Matrosen gegenüber, die wahrscheinlich der gleichen Marine angehören. Die dunkel uniformierten Herren rechts sind offenbar griechische Offiziere, der Uniformträger in der Mitte dürfte einen Offiziersrang in den britischen Streitkräften innehaben. Man schüttelt sich die Hände, der Weg zu einem griechisch-italienischen Ausgleich wird geebnet, er führte zur Grenze der Interessensphären im Mäandertal.
Wieder wurde ein Türke missbraucht, ahnungslos steht er, an den Hosen erkennbar, vor seinem Gefährt, einer „anatolischen Nachtigall“ – dieser Name wurde solchen Gespannen wegen der Quietschlaute zuteil. Nun muss er mit seinen Ochsen die Rückständigkeit verkörpern, ein in unseren heutigen Augen schales Unterfangen, wäre doch der Gegenstand der Modernität heute ein begehrtes Museumsstück;  den drei Grinsern auf dem Wagen war mitsamt dem Photographen die Raschheit der eigenen Musealität nicht geläufig.


Das linke Bild feiert in der Benennung des Ausflugslokals nach Mersinli die damalige Errungenschaft der griechischen Marine, die heute noch existiert, den Panzerkreuzer Georgios Averoff.  Jetzt liegt er als einer der letzten Erhaltenen seiner Art im Hafen von Phaleron und lässt die griechischen Besucher von vergangener Macht träumen. Tja, die Ausgaben des griechischen Staates für seine Wehrkräfte waren immer schon zu hoch, aber schuld waren die anderen, früher die Turkokratia, heute Märkell; wirkliche Souveränität schließt die Einsicht in eigene Fehler ein. Wer sich jedoch in neoliberale Kredite stürzt, kann kaum sozialistisch zurückerstatten, es sei denn, er verfällt Illusionen.

Über das rechte Bild ist bereits im Post „Tarih, Tarih“ berichtet worden, hier aber nun die rekonstruierte Fassung.


„Nein, Dottore, nichts darfst Du anfügen!“

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