Donnerstag, 15. August 2013

Ägypten 13 Straßen in Kairo 3

Pantalone drängt ständig, die Galerie dieser Straße vorzuziehen, weil er wegen eines Bildes vor Stolz platzt. Je nun, er liefert die Bilder an, da kann ich ihm das auf Dauer kaum versagen.

Also, wie ausgeführt, die diversen Bilder der verschiedenen Photographen geben sehr häufig die gleichen Motive wieder, hier ist am rechten Rande der Straße die Moschee des Amr Aytmish al Bagasi zu sehen. Der baute nun – dem altägyptischen, überhaupt nicht islamischen Brauch folgend – sich solch ein schmuckes Grab, jedoch durch seine politische Ranküne verspielte er seine Erwartung, in ihm begraben zu werden, denn er wurde 17 Jahre nach der Erbauung im fernen Damaskus geköpft. Als Muslim konnte er nicht wie weiland Nelson im Rumfass überführt werden, Eis gab es nicht, also blieb das Grab leer. Nur der Name des Bauwerks erinnert an ihn.



Prosper Georges Antoine Marilhat wurde trotz seiner schönen Vornamen ein Opfer der bösen Syphilis, nur kurz weilte er in Ägypten. Auch er zauberte den Orient in seine Bilder, die folgenden Photographien (und eine Autopsie) schließen aus, dass die Straße jemals sich fast platzartig erweiterte, sogar mit Palmenbewuchs. Zu seiner Zeit gab es noch die alten, aufwendig gestalteten Minarettspitzen, bevor das vermutete Erdbeben sie köpfte. Der Wiederaufbau geschah osmanisch: in Bleistiftform und verkürzt. Auch das aufwändig gestaltete Tor ließ auf ein bedeutendes weiteres Bauwerk schließen.


„Nun soll Pantalone loslegen.“
„Wieder einmal gönnerhaft, wie?“
Pantalone meint:

Also das Bild habe ich – wie vor Jahren in einem Post beschrieben – gereinigt, überretuschiert und farblich abgestimmt. Nun war aber auf dem Scan nicht mehr alles vorhanden. Das Geländer in der Mitte des Bildes war in Teilen verschwunden, ich habe es „nachgebaut“.  Da ich nicht auf dem Original rumretuschiere, halte ich das für legitim. Umso mehr freut es mich, dies Bild, was nun ein klein bisschen auch mein Bild ist, nicht nur auf schlichten anderen Webseiten, sondern auch bei Institutionen wiederzufinden, die Bilder verbreiten wollen. Ich glaube, Sebah würde mir anerkennend auf die Schultern klopfen.

„Die Eitelkeit dieses Venezianers ist unerträglich.“


Just als Hammerschmidt die Al Mahgar Straße (die Straßenbezeichnungen verändern bisweilen etwas ihren Wortlaut, je nachdem, welche Transkription man benutzt) entlang flanierte, dachte er, ach, was für ein schönes Motiv! Pustekuchen, mit mindestens 30 kg Photoausrüstung flaniert man nicht, selbst wenn Said das Meiste schleppen muss. Er war von seinem Studio eigens aufgebrochen, um endlich diese Moschee aufzunehmen, weil immer wieder die Reisenden nach solch einem Bild fragten. Und, weil Said zu spät gekommen war, lag schon Schatten auf der Hauswand mit dem Tor. Egal, nun er schon da, die Vorliebe der Engländer für diese mohammedanischen Gräber konnte er sowieso nicht verstehen. Es gab doch so viele wirkliche Altertümer!


Francis Frith war das egal, er nahm auf, was begehrt war. Beschäftigt mit dem Aufbau dessen, was man heute eine Bildagentur nennen würde, achtete er auf gute Verkaufsmöglichkeiten, die Motive wurden ihm vom Publikum vorgegeben. Hinterher ärgerte es ihn, dass er das Gebäude rechts nicht mehr ins Bild gerückt hatte, trotz der herausstehenden Balken schien es ihm, als wäre es von Interesse für die Käufer. Was es wohl einmal war?


Also zog er zwei Monate später noch einmal aus, leider war die Regenzeit angebrochen, all die staubigen Straßen hatten sich in Lehmwege verwandelt. Auch die Nachfrage bei den Anwohnern ergab keine stichhaltige Antwort über die frühere Funktion des zugemauerten Gebäudes mit dem großformatigen Tor, nur ein Alter meinte plausibel, dort wäre einmal ein Han gewesen, aber der wäre schon zu Jugendzeit verfallen gewesen.


Bei Photoglob entging das Bild der Kolorierung, es lohnte nicht den Aufwand, allerdings musste man es im Angebot haben. Denn die meisten Touristen gingen auf der Straße zurück in die Stadt, wenn sie die Citadelle und die Moschee Sultan Hassan besichtigt hatten. Das moslemische Bauwerk war drauf, das reichte.


Dies Bild dürfte Mitte der 1930er Jahre entstanden sein, der Gebäuderest mit den drei Bögen zur Straße hin ist abgerissen, ein neuzeitliches Haus ist an seiner Stelle gebaut. Der Strom der Kaufinteressenten ist noch nicht versiegt, mit den Sonnensegeln versucht der Inhaber des Ladens in der Bebauungslücke durch orientalischen Brauch die Differenz zwischen Draußen und Drinnen zu überwinden, die zugleich die Differenz zwischen unverbindlich und erkennbar angelockt ist.


Doris Behrens-Abouseif widmet sich in ihrem lesenswerten Buch „Islamic Architecture in Cairo, an Introduktion“ der Baugeschichte der Stadt in moslemischer Zeit, eine regionale Nachfolgerin des legendären K.A.C. Creswell. Auf Seite 21 ihres Buches illustriert dies Bild eine der vielfältigen Kuppeln  der mamelukischen Periode in der moslemischen Architektur der Stadt Cairo. Die Kuppel hat den Halbmond auf der Spitze verloren, zugleich ist die Schäbigkeit des Wiederaufbaus des Minaretts im 19. Jahrhundert zu erkennen, das Empfinden für die Schönheit der vergangenen Spitze war mit vergangen, schale Funktionalität verbunden mit der Bevorzugung moderner Baustoffe war an dessen Stelle getreten.


Daher die Flucht in die Bilder fernerer Vergangenheit, wobei keine Illusion darüber vorherrscht, dass früher irgendetwas besser gewesen sei, es war nur anders. Wir wissen nicht einmal, was die Berichterstatter des Gewesenen beeinflusste. Prokop und sein Opfer Theodora sind eben kein Einzelfall. Der unbekannte Maler jedenfalls war den Frauen mehr zugetan als den üblichen Kamelen. Alles ist auf dem Bild, die Tiefe durch das ferne Minarett, der Lagernde steht für die Breite des Vordergrundes. Schade, dass wir den Namen des Künstlers nicht kennen.  


Aus einer Malerdynastie stammt John Varlay, der dies Bild malte. Er wird es wohl Ende des 19. Jahrhundert geschaffen haben, der Moschee galt sein Hauptinteresse. 

Die Zeiten, in denen wie auf dem Bild die Zeit still zu stehen schien, sind lange vorbei. Jeglicher religiöser Ausflug in die Politik ist von Übel. Dies erkennen insbesondere diejenigen nicht, die vor 900 Jahren Opfer einer christlichen Variante dieses Fehlers waren: die Muslime wurden während der Kreuzzüge, gemessen am Satz der Nächstenliebe, nicht den Dogmen der Religion entsprechend behandelt. Nun sind es die Muslime selbst, die jeglichen Respekt verloren haben. Ach, so fragwürdig die tatsächlichen Ergebnisse der Aufklärung im Westen auch sein mögen, dem Islam täte eine solche Aufklärung gut, um zu begreifen, dass Regelungen aus der Einsamkeit der Wüsten um Mekka im Jahre 600 nicht unbedingt tauglich sind, in einer Ansiedlung mit 15 Millionen Menschen das Zusammenleben zu gestalten. Aber, es werden wohl noch Jahrzehnte vergehen, viele Menschen sterben, bis der Geist des Fanatismus verweht sein wird.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen