Donnerstag, 26. Juli 2012

Sebah 14 und das Erechtheion


 – Ein Rundgang um den Tempel mit Unterbrechung –

Die Meder verstanden sich aufs Rachenehmen. Als das bis dahin immer perserfreundliche Milet den Ionischen Aufstand auf der Seite der Persergegner mitmachte, wurde es von den Persern nach der Eroberung fast gänzlich zerstört, wahrscheinlich wurden die Milesier noch gezwungen, diese Arbeit für sie auszuführen. Das auf dem Zeytintepe liegende Heiligtum – der Aphrodite geweiht – ist kaum noch aufspürbar: Da sind zum einen die Felsabarbeitungen für die Fundamente, die auf einen größeren Tempel schließen lassen, zum anderen aber 20000 Stücke weißen Marmors, keines größer als eine Männerhand, so ließen die Meder das Heiligtum zerkleinern. Als der Dichter Phrynichos seine Tragödie „Mıλήτου άλωσις aufführen ließ, berührte dies die Zuschauer so, dass sie in Tränen ausbrachen. Daraufhin wurde das Stück verboten, Phrynichos mit einer Strafe von 1000 Drachmen belegt, weil er das Unglück der Hellenen für sich genutzt habe.

Nach dem Sieg der vereinigten Griechen bei Plataiai sollen sie einen Eid abgelegt haben, alle von den Persern zerstörten Heiligtümer als Mahnmal stehen zu lassen, sie nicht wieder aufzubauen. Jedoch waren Teile ihrer Heiligtümer oft aus Anlass eines kriegerischen Erfolges errichtet worden, so die sog. Marathonbasis in Delphi, eventuell der Vorparthenon. Eine teilweise Identität von Politik und Religion hätte ihnen also nicht fremd sein dürfen, das Vorgehen der Perser auf Verständnis, nicht Billigung, stoßen müssen.

Die Griechen hatten im Verhältnis zu der von ihnen geschaffenen Philosophie eine geradezu läppische Religion mit einem Obergott, der danach strebte, bei anderen Wesen jede Körperöffnung wenigstens zeitweise zu füllen. Als Ausgleich dazu blühte auch bei ihnen ein Jungfrauenkult, hier war es die Göttin Athene, die zur Edeljungfrau avancierte. Nun ergab es sich, dass nach der Zerstörung der Akropolis durch die Perser einige alte Stätten dort wieder genutzt werden sollten, Eid von Plataiai hin oder her, was gebb isch uff mei dumm Geschwätz vunn gestern!

Neben dem alten Athenatempel, dort wo jetzt das Erechtheion steht, lagen geheiligte Orte; viel musste dort untergebracht werden:
Zuerst einmal das uralte Xoanon der Athene,
dann lag dort das Dreizackmal im Fels, von Poseidon geschlagen,
als Gegenpol der Ölbaum der Athene,
nun sollte auch der allerhöchste Zeus nicht zurückstehen, also ein kleiner Altar für Zeus Hypotos,
das Grab des Kekrops befand sich dort,
des Heros Butes musste gedacht werden, der aus der Dynastie der allertreuesten Butaiden stammte,
für die dappische Pandrosos sollte auch ein Gedenkplätzchen vorhanden sein,
um das Dreizackmal rauschte das Meer des Erechthonios,
schließlich musste noch eine Verehrungsstätte für Zeus Herkeios, den Herdbewahrer, her; das Ganze noch auf abfallendem Felsareal.

Sogar in einem Rundbau hätte man das alles nicht unterbringen können, geschweige denn in einem so strengen Bau wie dem  griechischen Tempel. So musste der Architekt der Zeit vorauseilen, er baute nach dem Prinzip: form follows function. Ein Megaron ohne Anten wurde mit seitlichen Prostylos weiter unten verbunden, hinzu kam eine Halle mit anthropomorphen Stützen, vielleicht wollte er das Megaron noch spiegeln, aber der Nikiasfrieden währte nicht so lange. So setzt das Bauwerk, das später Erechtheion genannt wurde, am treffendsten die These um, der griechische Tempel sei kein eigentlich Haus der Götter, sondern immer nur ein Behältnis für sie, allerdings in der veredelten Form eines übergroßen menschlichen Hauses. Im Deutschen gibt es dafür das Wort Gehäuse, Schnecken wohnen in solchen, warum nicht auch griechische Götter und andere Idole.


Auf seinem Ausflug nach Athen versuchte Pascal Sebah 1873 (ca.) sich bei den Archäologen beliebt und seine Bilder verwertbar zu machen. Ebenso wie auf der Aufnahme des Hadriantores ist auf sechs der gezeigten Bilder ein Maßstab mit abgelichtet, dessen genaue Länge rätselhaft bleibt. Die Bilder müssen wegen des noch stehenden Frankenturmes vor 1875 gemacht worden sein, die verbindliche „internationale Meterkonvention“ wurde erst im Mai 1875 verabschiedet, das Längenmaß gab es schon seit der Französischen Revolution. Um zu verifizieren, ob der Maßstab metrisch ist, müsste man den umgekehrten Weg gehen: Auf Bild 11 ist er am klarsten abgebildet, wenn man die Höhe der Stufen kennte, dann könnte man seine Länge rekonstruieren.


Im Jahre 408/07 rechnete die Baukommission Arbeiten am Erechtheion ab, das musste nach dem Verständnis der athenischen Demokratie öffentlich geschehen. Also wurde das zuerst auf Holztafeln festgehalten und gezeigt, später in Stein verewigt. Zu lesen ist auf den teilweise erhaltenen Inschriften:
„Steinarbeiten: für die Kannelierung der Säulen auf der Ostseite gegenüber dem Altar. Die dritte vom Altar der Dione aus gesehen:
Ameiniades, der im Demos Koile wohnt, 18 Drachmen;
Aischines, 18 Drachmen;
Lysanias, 18 Drachmen;
Somenes, Sklave des Ameiniades, 18 Drachmen;
Timokrates, 18 Drachem;
….
Simias, der in Alopeke wohnt, 13 Drachmen;
Kerdon, 12 drachmen 5 Obolen;
Sindron, Sklave des Simias, 12 Drachmen 5 Obolen;

Und so geht es steinelang weiter. Bemerkenswert ist, dass die Arbeit der Sklaven genauso bewertet wird wie die ihrer Eigentümer, nicht nur der Hobel, sondern auch die Arbeit „macht alle gleich“, aber nie frei. Es wird Stücklohn gezahlt, die notwendige Sorgfalt bei der Arbeit verbietet Akkordlohn. Einer der Sklaven trägt einen persischen Namen, Gerys, man scheint nicht nachtragend gewesen zu sein, kein „der kemmt mir nich uff die Baustell!“


Von den ehemals sechs Säulen standen damals nur noch 5 am alten Platz, die rechte hatte Lord Elgin mitgenommen. Zugleich erkennt man den Höhenunterschied zwischen Ost- und Nordseite, wo eines der zierlichsten Säulengebilde entstanden war. Dort, wo einst der Altar für den obersten Zeus gestanden hatte, gähnte ein Loch.


Hier hat Pascal Sebah wohl gepatzt, das Bild endet oben inmitten des Zierfrieses des Türsturzes. Rechts lehnt ein Teil der Kassettendecke, in der Mitte kann man bis in den Untergrund der Korenhalle durchblicken, die unterschiedliche Färbung der Türgewände rührt von dem Algenbesatz her, der sich an dem ausgegrabenen Teilen noch nicht festgesetzt hatte. Hinter der Türschwelle kann man auf die Kuppe eines Gewölbes sehen, das bei den römischen Umbauten – über dem Meer des Erechthonios – eingebracht wurde.


Der damalige Bauzustand ermöglicht die Sicht auf die Seite eines der Steinbalken, die auf der Wand und den Epistylen aufliegen und die ihrerseits die Kassettenteile der Decke tragen. Auch kann man einige der unklaren Ansätze erkennen, die zu der Vermutung führten, es sei noch ein Westflügel geplant gewesen.


Ein anderer großer Fotograf wurde von der Nordhalle angezogen, hier nahm er die Basen der Säulen auf: Walter Hege. Er lief mit einem Teleobjektiv herum, das wegen der Größe des Bildformates riesig war, er nannte es „Kanone“. Diese war im Gegensatz zu der des lüneburgischen Artillerieoffiziers nützlich, segensreich.


1873 war der obere Teil der Westwand nicht zu sehen, er war nach einem Sturm eingestürzt, die ge-elginte Karyatide ersetzt, jedoch das Dach durch Metallstützen abgesichert. Im Vordergrund breitete sich noch eine bewachsene Erdschicht aus, noch war nicht jedes Körnchen der Erde durchgesiebt, noch steckten die Fundamente des alten Athenatempels in ihr.


Heute fällt der Blick vom gleichen Standpunkt auf ein vollständigeres Gebilde, die Koren sind durch hohle Abgüsse aus Marmorstaub ersetzt, die in sich Metallstützen bergen. Die Westwand steht mit den römischen Fensterfüllungen da, der Nordbau ist fast gänzlich wieder auferstanden. Betreten kann man das Bauwerk nicht mehr, mit Sicherheit würden die Sohlen der unzähligen Besucher den Boden nicht nur ab-, sondern tiefschleifen.


Da bot sich Dodwell zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein anderes Bild. Die Elginkore war durch einen Pfeiler ersetzt, aber die Westwand stand noch. Welcher Zeitpunkt in der Geschichte eines Bauwerkes ist für die Anastilosis der maßgebende? Welcher Zustand soll wiedererstehen? Der Wiederaufbau der Akropolis wurde durch eine eigens einberufene internationale Konferenz abgesegnet, es war aber auch ein Dammbruch. Jetzt verweist jeder auf die Akropolis und zieht aus ihrer Anastilosis Rechtfertigung für sein Agieren.

Übrigens: Im Hintergrund sieht man auf Dodwells Bild eindeutig, wie brutal die osmanische Besatzung die Turkokratia betreibt, nämlich durch Musizieren.

Das Konzert in Köln hatte nicht nur für die DDR weitreichende Folgen, auch für den Sänger selbst ergaben sich Veränderungen: er war den Reisebeschränkungen entronnen. Angesichts der Korenhalle konnte ihm nun einfallen:

Sieh an, mein Freund, die Leichtigkeit
Mit der die Fraun es tragen
Das Tempeldach auf ihrem Kopf
Sie stehn da, schön geschlagen
Von schwerer Männerhand
In Stein.

Die Korenhalle erlaubte den osmanischen Besetzern der Akropolis eine naheliegende Assoziation, Frauen am Haus, also Haus für Frauen, also Harem. Übrigens, hier zeigt sich wieder einmal die nationalistische Komponente der Archäologie. Bei der letzten Restauration des Bauwerks wurden von den in unterschiedlichen Epochen weiterbearbeitete Steinen zwar die byzantinischen wiedereingebaut, die unter osmanischer Herrschaft bearbeiteten nicht. Selektive Wahrnehmung ist nicht nur ein individuelles Phänomen.

Über die Karyatiden gibt es zwei Versionen, nach der einen seien es die in die Sklaverei verkauften weiblichen Einwohner der perserfreundlichen Stadt Karyai, die nun zur Strafe schwere Arbeit leisten mussten, die Männer hatte man gerichtet. Die andere Version schmeckt Dottore besser: In Karyai gab es ein Heiligtum der Artemis, beim alljährlichen Fest tanzten die jungen Mädchen des Ortes so schön einen Reigentanz, dass ihre Haltung zum Inbegriff des aufrechten Schreitens wurde. Vergleicht man die Statuen mit Vasenbildern, auf denen Frauen auf dem Kopf das Wasser in Krügen von der Krene nach Hause tragen, so ist eine große Gleichheit festzustellen. Und ob man das Gebäude mit ehemals perserfreundlichen Frauen schmückte, die dann sehr aufrecht und fast stolz dargestellt sind, erscheint doch wenig plausibel.


Hier mischt sich Pantalone ein: „Also, ich finde, die sehen doch alle sehr stabil und fast bäuerlich aus. Mein Schönheitsideal ist das nicht!“

„Nun denn, die Griechen unterschieden bei Frauen zwischen denen, die ihre Lust erweckten und bisweilen befriedigten, und solchen, die sie heiraten wollten. Die mussten die Last vieler Geburten aushalten, darüber  hinaus auch kräftig genug sein, um die alltägliche Arbeit im Haus zu bewältigen. Zu diesen Frauen zählen wohl die Mädchen aus Karyai.“

„Ich weiß zwar, dass Du es mit dem alten Ägypten nicht so hast, aber dort gab es das, was der Kölner en lecker Mädche nennt. Die Statue zeigt so eine!“


„Ausnahmsweise hast Du recht, die könnte sogleich über den Laufsteg bei Karl Lagerfeld schweben, ich werde meine Distanz zum alten Ägypten überdenken.“

 
Für Wolf, den ich bei Jule Hammer unbesonnen fragte.                             

Mittwoch, 18. Juli 2012

Das unterdrückte Zitat als Indikator des unterdrückten Denkens

Statt sich durch die vielen Bände der „les guides bleus“ zu quälen, kann man die Kurzfassung von Engels selbst lesen, die da lautet: Herrn Eugen Dühring`s Umwälzung der Wissenschaft“. Dort schreibt er in den Jahren 1876 bis 1878 auf Seite 167/8:

„Aber das eigne Gemeinwesen und der Verband, dem es angehörte, lieferte keine disponiblen, über-schüssigen Arbeitskräfte. Der Krieg dagegen lieferte sie, und der Krieg war so alt wie die gleichzeitige Existenz mehrerer Gemeinschaftsgruppen nebeneinander. Bisher hatte man mit den Kriegsgefangnen nichts anzufangen gewußt, sie also einfach erschlagen, noch früher hatte man sie verspeist. Aber auf der jetzt erreichten Stufe der »Wirtschaftslage« erhielten sie einen Wert; man ließ sie also leben und machte sich ihre Arbeit dienstbar. So wurde die Gewalt, statt die Wirtschaftslage zu beherrschen, im Gegenteil in den Dienst der Wirtschaftslage gepreßt. Die Sklaverei war erfunden. Sie wurde bald die herrschende Form der Produktion bei allen, über das alte Gemeinwesen hinaus sich entwickelnden Völkern, schließlich aber auch eine der Hauptursachen ihres Verfalls. Erst die Sklaverei machte die Teilung der Arbeit zwischen Ackerbau und Industrie auf größerm Maßstab möglich, und damit die Blüte der alten Welt, das Griechentum. Ohne Sklaverei kein griechischer Staat, keine griechische Kunst und Wissenschaft; ohne Sklaverei kein Römerreich. Ohne die Grundlage des Griechentums und des Römerreichs aber auch kein modernes Europa. Wir sollten nie vergessen, daß unsere ganze ökonomi-sche, politische und intellektuelle Entwicklung einen Zustand zur Voraussetzung hat, in dem die Skla-verei ebenso notwendig wie allgemein anerkannt war. In diesem Sinne sind wir berechtigt zu sagen: Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus“.

Dann weiter auf Seite 168/9:
„Es ist klar: solange die menschliche Arbeit noch so wenig produktiv war, daß sie nur wenig Überschuß über die notwendigen Lebensmittel hinaus lieferte, war Steigerung der Produktivkräfte, Ausdehnung des Verkehrs, Entwicklung von Staat und Recht, Begründung von Kunst und Wissenschaft nur möglich vermittelst einer gesteigerten Arbeitsteilung, die zu ihrer Grundlage haben mußte die große Arbeitsteilung zwischen den die einfache Handarbeit besorgenden Massen und den die Leitung der Arbeit, den Handel, die Staatsgeschäfte, und späterhin die Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft betreibenden wenigen Bevorrechteten. Die einfachste, naturwüchsigste Form dieser Arbeitsteilung war eben die Sklaverei. Bei den geschichtlichen Voraussetzungen der alten, speziell der griechischen Welt konnte der Fortschritt zu einer auf Klassengegensätzen gegründeten Gesellschaft sich nur vollziehn in der Form der Sklaverei. Selbst für die Sklaven war dies ein Fortschritt; die Kriegsgefangnen, aus denen die Masse der Sklaven sich rekrutierte, behielten jetzt wenigstens das Leben, statt daß sie früher gemordet oder noch früher gar gebraten wurden.“

Also keine moraltriefende Onkel-Toms-Hütte-Würdigung, sondern kühle Analyse, beruhend auf den Einsichten der „sozialökonomischen Scheiße“, wie das Marx gelegentlich (in seinen Briefen) auszudrücken pflegte.

Beim Durchdeklinieren seiner Diskurstheorie verfiel Jürgen Habermas auch auf das RECHT, zur Kunst hatte er keinen Draht, die Musik hatte Teddie schon besetzt, außerdem musste er dem ursprünglichen Juristen Luhmann mal zeigen, was eine Harke ist. Dementsprechend sonderte er für diesen Bereich ein Buch ab. Dottore findet es mies, weil er in ihm nicht vorkommt. Nein, nicht persönlich, aber seine frühere Berufstätigkeit wird ausgespart. Denn nicht der immerwährende „Kampf ums Recht“, der alltäglich zwischen Bürgern und Unternehmen, zwischen Anwälten und Richtern schriftlich und mündlich stattfindet, wird philosophisch überhöht, sondern wieder einmal spricht der Weltgeist nur mit sich selbst – das hatten wir doch schon bei Hegel! – getreu der Habermas´schen Maxime: Bedeutsam, aber politisch folgenlos. So eben, als hätte es die 11. These über Feuerbach nie gegeben.

Nun bezieht sich Habermas in „Faktizität und Geltung“ immer wieder auf John Rawls, der seine Vorstellung von Gerechtigkeit aus der Fairness entwickelt. Für Dottore tauchte dieser Begriff zuerst im Englischunterricht auf: Im 19. Jahrhundert frönten junge englische Adlige dem Faustkampf. Sie betrachteten es als ausgesprochen unfair, wenn an einem solchen Wettkampf jemand teilnehmen wollte, der seine Muskeln normalerweise dafür benutzte, körperliche Arbeit zu verrichten. Und es ist doch wirklich unfair, wenn ein Bergarbeiter dem jungen Earl die Fresse poliert!

Aber auch das ist nicht Hauptgegenstand dieses Post, der wie üblich weitschweifig ist. (Diese Weitschweifigkeit kann ein später Reflex auf den mehrere Jahrzehnte währenden Zwang sein, sich in den Schriftsätzen kurz und präzise auszudrücken, also die Umkehrung einer deformation professionelle.) Nun aber zu Rawls. Der schreibt in „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ auf Seite 280:

„Ich habe vorausgesetzt, daß stets für die, welche die geringste Freiheit haben, ein Ausgleich geschaffen werden muß. Die Situation ist stets von ihrem Standpunkt aus zu beurteilen (und zwar aus der Sicht der verfassungs- oder gesetzgebenden Versammlung). Diese Einschränkung macht es nun so gut wie sicher, daß Sklaverei und Leibeigenschaft, jedenfalls in ihren bekannteren Formen, nur dann hinzunehmen sind, wenn sie noch schlimmere Ungerechtigkeiten beheben. Es könnte Übergangsphasen geben, in denen die Sklaverei besser wäre, als die herrschenden Verhältnisse. Man nehme zum Beispiel an, Stadtstaaten, die bisher keine Kriegsgefangenen machten, sondern jeden Gegner töteten, kämen vertraglich überein, stattdessen die Gefangenen als Sklaven zu halten. Man kann nun die Sklaverei nicht mit der Begründung zulassen, die Vorteile einiger überwögen die Nachteile der anderen; doch unter diesen Umständen, da alle der Gefahr der Gefangennahme im Kriege ausgesetzt sind, ist diese Form der Sklaverei weniger ungerecht als die bisherige Praxis. Zumindest ist der Sklavenzustand nicht erblich (das wollen wir annehmen), und er wird von den freien Bürgern mehr oder weniger gleicher Stadtstaaten akzeptiert [auch von den Meliern??]. Diese Regelung dürfte als Fortschritt gegenüber den bisherigen Gepflogenheiten vertretbar sein, falls die Sklaven nicht zu hart behandelt werden. Mit der Zeit wird sie wahrscheinlich ganz aufgegeben werden, denn der Austausch der Kriegsgefangenen ist doch wünschenswerter, die Rückkehr der gefangenen Mitglieder der Gemeinschaft ist den Dienstleistungen von Sklaven vorzuziehen. Doch keine dieser Erwägungen, so phantasievoll sie auch sein mögen, versucht die erbliche Sklaverei oder Leibeigenschaft aufgrund natürlicher oder geschichtlicher Beschränkungen zu rechtfertigen. Ebensowenig kann man sich an diesem Punkt auf die Notwendigkeit oder wenigstens den großen Vorteil solcher Knechtschaft für die höheren Formen der Kultur berufen.“

Statt die Widersprüchlichkeit des geschichtlichen Ablaufes zu begreifen – wie die bei Engels geschieht – tut Rawls so, als könne man sich einmal möglicherweise zu einer zeitweiligen Sklaverei verabredet haben, was dann sogleich liberal und selbstredend undialektisch kalmiert wird. Seine Anti-Engelspassage lebt von der klaren Darstellung des indirekt Kritisierten, die er sich aber selbst als „phantasievoll“ zuschreibt, er zitiert oder widerlegt Engels nicht, er zernutzt ihn. Warum aber setzt Rawls kein Zitat oder nennt seinen Widerpart? Er musste davon ausgehen, erhebliche Teile seiner Leser kennten den Ursprungstext. Eine rein zufällige Überschneidung scheidet aus, weil die Vertragspartner – „die Stadtstaaten“ – unmittelbar an den Ausgangstext anschließen, zudem wird dem Ergebnis der Engels´schen Betrachtung ausdrücklich widersprochen. Es bleibt nur ein absichtsvolles Verschweigen der Quelle. Unredlichkeit wird man einem Autor nicht unterstellen dürfen, der sich seitenlang über Fairness verbreitet, zudem hat sich Rawls während seiner Militärzeit aus achtenswerten Gründen der Offizierslaufbahn widersetzt.

Der Text erschien 1971, also fast 100 Jahre nach Engels, „by the President and Fellows of the Harvard College“, wo Rawls Professor für Philosophie war. Trotz seiner Position erschien es ihm tunlich, einen der Väter der Alternative zum gegenwärtigen Wirtschaftssystem zu unterschlagen. Die Universität von Harvard ist von Spenden aus der „Wirtschaft“ abhängig, die Spender hätte es irritiert, wenn an ihrer Universität jemand mit Marxismus ernsthaft sich beschäftigt. Auch haben die Vereinigten Staaten das Denken aus der Ära des McCarthy nie gänzlich überwunden, wie aus der für uns schier unglaublichen Klassifizierung von Obama durch seine politischen Gegner als sozialistisch erkennbar ist. 

Aber, lieber Rawls, die Furchtsamkeit (nicht die unklare Angst) vor der Entdeckung der Ideenquelle, also die soziale Realität, hat auch Dein Denken beeinflusst, so wie seinerzeit die soziale Realität das Denken der sklavenhaltenden Philosophen im antiken Griechenland prägte, Diogenes ausgeschlossen, dem jedoch nichts anderes übrig blieb, als zynisch zu sein. 

Pantalone meint: "Erstens so eine lange Pause, zweitens keine Bilder, drittens, warum hackst Du so auf Habermas rum?" 

"Beim nächsten Mal kannst Du Deine Bilder unterbringen. Das mit Habermas hängt mit dem Juni 1968 zusammen. Nach dem Vorwurf des Linksfaschismus konnte er sich beim sog. Schülerkongress am 1. Juni eigentlich nicht sehen lassen. Um von der vor Unmut brodelnden Menge nicht am Vortrag gehindert zu werden, eröffnete Habermas seine Rede mit den Worten: "Ich bin mir mit den hier Anwesenden doch einig, dass die Zukunft der Bundesrepublik in einer sozialistischen und demokratischen Politik liegt!" Sozial hätte er nicht sagen können, dann wäre er ausgebuht worden. Obwohl der gedruckte Text seiner Ausführungen nicht auf seinem Manuskript allein beruht, sondern auch auf weiteren, mündlichen Ergänzungen, hat er den Eingangssatz immer unterschlagen. Entweder er hat gelogen oder es war ihm peinlich. Beides ist verachtenswert. Dass er als Nachfolger von Thielecke den Bundesbedenkenbewahrer abgegeben hat, ändert nichts daran." 

"Woher weißt Du das denn?" 

"Ich war dabei, die vorne agierenden linken Widersacher werden sich auch noch daran erinnern. Auch sie konnten nur den kastrierten Text übernehmen." 

"Dass die Linken sich immer so zerfleischen müssen!" 

"Zum einen ist Habermas nicht links, zum anderen haben sich im Frühchristentum die einzelnen Gruppen genauso befehdet." 

Für Rainer, der das Anspucken des französischen Landadligen rechtfertigte.


Montag, 30. April 2012

Die Falkenburg in Köln-Lindenthal


Die Falkenburg in Köln-Lindenthal wurde im Revolutionsjahr 1848 eingeweiht, sie war ein typischer Bau des Historismus, der sich in seiner Hinwendung zur Gotik auch auf Schinkel stützen kann. Im Jahre 1878 kaufte der Urgroßvater von Dottore das Bauwerk, in dem er ein Handelsunternehmen für Gastwirtsbedarf betrieb. Ein Sohn machte eine Banklehre und wäre auch gerne in diesem Beruf verblieben, aber sein Vater bestimmte ihn zu seinem Nachfolger. So blieb denn die Falkenburg bis Anfang der 1930er Jahre in Familienbesitz, bis 1945 war eine Brauerei Eigentümerin, heute steht auf dem dreieckigen Grundstück ein Wohnblock. Fast nichts mehr erinnert an das Gebäude, nur, wenn in der Uhlandstraße wenig Autos parken, kann man dort einige abgeschrägte Bordsteine sehen, sie markieren vor einer abweisenden Hauswand noch die damalige Einfahrt zur Falkenburg.

Das unvergleichliche Bild von August Sander begeistert schon durch den Schwung der parabelartig von der linken unteren Ecke ins Bild hineinzieht.


Zu recht gibt es ein Foto vom Meister in der Dunkelkammer, denn das Negativ sah ganz anders aus. Gezaubert hat er nicht nur bei der Aufnahme: In der Fotokiste der Familie befindet sich ein Kontaktabzug des Negativs, das eine ganz herkömmliche Sicht wiedergibt, die technische Virtuosität war – wie fast überall –  auch bei Sander eine der Vorrausetzungen für die Großartigkeit seiner Darstellungen.


Das wohl früheste Bild, das Dottore bekannt ist, zeigt noch die Fahnenstange auf dem Mittelturm, das Gebäude ist von der Krieler Straße aus aufgenommen. Die Anbauten zeigen, hier war ein Gewerbebetrieb ansässig.


Irgendjemand muss einmal dieses Bild aus einem Album mit wohl gedruckten Fotos abfotografiert haben, jedenfalls kann man auf dem überkommenen „Original“ noch den Bildrand und den Farbton des Druckes erkennen.


Das nächste ist gleichsam das offiziöse Bild der fünf Kinder des Großvaters von Dottore. Sofern die Gespräche auf die Kinder- und Jugendzeit kamen, wischte der Name Falkenburg immer ein seliges Lächeln auf ihre Gesichter. In den vier kleinen Ecktürmen hausten Käuzchen, deren nachgeahmter Pfiff der Verständigungslaut der Kinder war.


Die Brauerei hat nach der Zerstörung der Falkenburg im letzten Jahr des Krieges dann einen Bierdeckel nostalgisch gestalten lassen, das Bild orientiert sich am Foto von August Sander. Dass sich der Grafiker nicht entblödete, trotz des Schweinchenrosas seinen Namen anzuführen, zeugt von einem gerüttelten Maß an Unbesonnenheit.


Es wurde in der Falkenburg nicht nur Handel getrieben, sondern auch Likör, vielleicht sogar Schnaps hergestellt. Dottores Großvater kommt mit dem Vorarbeiter aus den Kellergewölben. Rohre und Fässer zeugen von ungeahnten biochemischen Vorgängen.


Zum Vertrieb waren Kutschen und Pferdewagen nötig, auf dem Pferd sitzen neben dem kleinen Sohn des Kutschers Heinrich die beiden ältesten Söhne.


Die eingangs erwähnte Fahnenstange wurde nicht entsorgt, sondern lag noch Jahrzehnte auf der Freifläche des Mittelturmes. Annemarie und Friedel posieren dort, auf der Fahnenstange sitzend. Links kann man die Spitzen der Domtürme erahnen, rechts hinter Friedel ragt die damalige Spitze des Turmes von St. Stephan auf.


Auf diesem Kommunionsbild von 1926 ist erkennbar, dass Annemarie es geschafft hat, sie hat ihre Zöpfe gegen einen begehrten Bubikopf tauschen dürfen, ein unerhörtes Ereignis. Et Friedel hätt noch sing Zöpp.


Als Dottore das letzte Bild im Netz entdeckte, nahm er Kontakt mit dem Websiteninhaber auf, der ihm versprach, ein Bild der Postkarte mit besserer Auflösung bei Gelegenheit zu scannen, aber augenblicklich sei sein Scanner außer Betrieb. Als Dottore nach zwei Jahren wieder vorsichtig nachfragte, meldete sich seine Tochter mit der traurigen Nachricht, ihr Vater sei verstorben. Alle seine Unterlagen wären nicht mehr da.


So widme ich denn diese Seite dem Menschen, der die Falkenburg noch von innen gesehen hat, es ist Friedel, die 98jährig in Düsseldorf lebt. Noch heute lässt die Erwähnung der Falkenburg ein erfreutes Lächeln über ihr Gesicht huschen.

Im übrigen, dies als Nachtrag vom 23.07.2013, et Friedel hätt et geschaff: Alle Mitglieder der Familie zeichnen sich nicht durch übergroße Schönheit aus, dies Manko müssen sie durch Geist und Liebenswürdigkeit ausgleichen. Nun aber hat es Friedel doch noch zum Model geschafft. Mit fast 99 Jahren prangte ihr Abbild für kurze Zeit an den Litfaßsäulen Düsseldorfs. Sie schaut aber auch zu herzerfrischend drein.


Der Begriff des Familienarchivs hört sich gediegen an, es handelt sich bei der weitverzweigten Familie allerdings um mehrere Blechkisten an den jeweiligen Wohnorten, in denen - weil Fotoalben aus der Mode gekommen sind -  haufenweise Bilder liegen, allerdings im abnehmenden Maße. Im Zeitalter der digitalen Fotografie wird mehr aufgenommen, aber ungleich weniger aufs Papier gebannt, allenfalls am PC sieht man noch die festgehaltenen Momente. Da jedoch von der Falkenburg so wenig  Bilder erhalten sind, hier noch eines, das Pantalone beim Wühlen in anderen Kisten entdeckte: Es zeigt das Gebäude von der Falkenburgstraße her. 



Sonntag, 29. April 2012

Sebah (13) und Ansichten von Athen bzw. Altmännernöckerei

„Also, was hast Du für Bilder von Athen?“

„Zwar drängst Du mich immer mit dem Fertigstellen, aber eigentlich brauchst Du mit Deinen Texten viel länger, als ich mit dem Reinigen der Bilder!“

„Das bisschen Himmelkehren ist doch nicht so viel Arbeit.“

„Also, Du würdest jetzt die Antwort mit „Sieh, mal,..“ beginnen, ich sage nur, es ist nicht einfach, den Himmel als doch gleichförmig erscheinende Fläche auch so (wieder) zu gestalten, denn dort sieht man das Altersschrumpeln ganz besonders leicht. Ich muss erst den Farbton erwischen, den mische ich mir aus den Farbfleckchen. Dann darf aber alles nicht einheitlich eingefärbt werden, das sieht scheußlich aus, sondern die Struktur muss noch ganz gedämpft durchschimmern. Dabei vernachlässige ich das Vignettieren, also das Dunklerwerden zum Rand hin, wie das jede Optik macht. Diesmal war aber alles einfacher, weil es in der Attika wenig Bäume gibt, die machen nämlich viel Arbeit mit letztlich unbefriedigendem Ergebnis, weil nicht jedes Blättchen herauspräpariert werden kann, ganz abgesehen davon, dass die Pixelstruktur dem auch Grenzen setzt.“

„Ich dachte, dass Du solch differenzierte Betrachtung gar nicht anstellst, sondern so lieber malst, wie eben Kinder ihre Malbücher ausmalen.“

„Das ist typisch für Dich, alles was Du nicht machst, erscheint Dir als Kinderkram.“

„Also erst einmal wäre das höchstens charakteristisch für mich, weil der allgemeine Sprachgebrauch nicht ungenau, sondern falsch ist. Nach einem Typ werden Gegenstände fabriziert, die sich dadurch auszeichnen, dass sie alle gleich sind. Daher kann nur in Ausnahmefällen ein Mensch ein „Typ“ sein. Handelt er, so ist sein Verhalten ggf. für ihn charakteristisch. Zweitens.. .“

„Was wäre ich bloß ohne den schlauen Dottore, der es immer wieder schafft, das Alltägliche kompliziert darzustellen.“


„Kein Mensch interessiert sich für unser Gezänk, sag´ lieber, was Du aus dem Sebahfundus für den Blog hast!“

„Der Blick vom Musenhügel gefällt mir hauptsächlich deswegen, weil das Bild eine gewundene Halbdiagonale hat, die am Olympieion endet.“

„Eine Stelle erinnert mich an die früheren Reisen durch Italien und Spanien in den 1950er Jahren. Da standen auf den Hügeln nahe den Fernverkehrsstraßen in Italien fünfbeinige Drachen und dreibeinige Katzen, in Spanien schwarze Stiere und so ein schwarzummantelter Weintrinker, so wie der hier auf dem Weg. Ich habe dazu ein Triptychon gemacht, wie Du siehst, ist Griechenland im europäischen Werbekonzert dabei.“


„Langsam verstehe ich Dich nicht mehr. In Bursa bist Du der Verteidiger der Religion, hier nun bist Du ein Gefangener der Werbung. Da spiele ich nun schon seit Jahrhunderten mit Dir in der Commedia dell´Arte, und nun kenne ich Dich immer noch nicht.“

„Selbstverständlich bin ich ein Feind der Werbung, zu der man übrigens immer richtigerweise Reklame oder Propaganda sagt. Über sie sagt Günther Anders „Jede Werbung ist ein Appell zur Zerstörung“.“

„Wer ist denn Günther Anders?“

„Ein Philosoph, der fast immer so recht hat wie Adorno, bloß schreibt er nicht so eingängig. Übrigens, es ehrt den C.H.Beck Verlag, dass er die beiden Bände von der Antiquiertheit des Menschen gedruckt hat, späte Wiedergutmachung für die Arisierung seinerzeit. Aber zu dem Triptychon will ich noch sagen, es dokumentiert, wie ungeheuer man von den Bildern der Verführung geprägt wird, selbst wenn man sich immer dagegen intellektuell wehrt. Ich sehe den Mann auf dem gewundenen Weg und denke Sandeman, dabei trinke ich überhaupt keinen Alkohol. Die Werbung füllt einem den Kopf mit ihren widerlichen Läppigkeiten.“


„Schon gut. Hier nun nicht der Blick auf das Schloss in Athen, sondern von ihm weg auf die Akropolis. Dies Bild ist am linken Rand etwas angefressen, die Bildschicht löst sich von dem Karton. Hier nun besonders klar erkennbar. Ansonsten gibt es immer wieder auf den Bildern unscharfe Bereiche. Die sind aber meist Fehler bei der Produktion der Abzüge, nicht beim Scannen heute, denn die Scanner haben genug Tiefenschärfe. Dafür ist das nächste Bild – ich glaube nun müsste ich sagen „charakteristisch“ – also typisch für die Aufnahmezeit, als man davon begeistert war, dass es die Eisenbahn gab.“


„Stimmt, mehr als die Hälfte des Bildes ist mit den Schienen und dem Schuppen am Rand bedeckt, wobei ich der Ansicht zuneige, der Schuppen steht noch heute, und zwar an der Metrostation Theseion auf der Seite zum Kerameikos hin. Die Griechen scheinen also doch bisweilen sparsam gewesen zu sein, haben nicht nur fremdes Geld ausgegeben. Das wird aber nicht der Grund dafür sein, dass seit nun mehreren Jahrzehnten der Tempel von Bassai verhängt ist, nur um einen Portalkran vor dem Verrosten zu schützen!“

„Sonst schimpfst Du über diese Anastylosis immer, wenn diese Art der Arbeit in Bassai nicht weitergeht, dann verhunzen sie auch nicht die Ruine.“

„Es heißt nach dem „Wiederaufrichten“ Anastilosis, eigentlich wäre es im Deutschen richtig von Anastelosis zu sprechen, da die unaufhaltsame Verwandlung sämtlicher Vokale in I eine Abartigkeit des Neugriechischen ist. Die Eta in dem altgriechischen Wort Stele werden im Deutschen auch nicht in ein I, sondern in ein E verwandelt, diesen Itazismus hasse ich.“

„Du mit Deinem altphilologischen Spleen, sieh lieber auf das Odeion des Herodes Attikus.“


„Also das Bild irritiert, der Weg zerschneidet die Aufnahme.“ 

 „Es ist mir geradezu unheimlich, aber genau das gleiche habe ich auch so empfunden, darum habe ich den Weg verlegt, der damals nur durch die Felder führte, nun ist das Bild besser, man sieht wie sich die Felder in das Tal schmiegen.“


„Das kannst du aber doch nicht machen, den Weg gab es doch, das geht zu weit.“

„Also machen kann ich es, das siehst du ja. Und außerdem kann ich mich daran erinnern, dass du selbst gesagt hast, du gibst nichts auf die „Richtigkeit“ der Bilddaten bei der digitalen Fotografie. Der Sebah hätte das sicherlich auch so geändert, wenn er denn dazu die Mittel gehabt hätte, und ich ändere ja nun nicht die überkommene Bildmaterial sondern nur die digitalen Daten. So gefällt mir die Aufnahme eben besser.“

„So ein Bild hat doch Authentizität, die zerstörst du damit. Denk an das Schiff des Theseus!“

„Ich habe ein Zwischennegativ einer Aufnahme von Sander, und zwar die Falkenburg in Köln Lindenthal. Wenn du das mit dem veröffentlichten Bild vergleichst, dann wirst du feststellen, der Sander hat einen breiten unteren Teil weggelassen, so haben wir das auch mit dem Bild des Felsendoms von Bonfils gemacht. Nur weil es von deinem Favoriten stammt, soll man das nicht machen dürfen. Außerdem bin ich kein Stalinanhänger, der Trotzki wegretuschiert. Ach, ja, heute steht dort eine Gaststätte, wie du sehen kannst.“


„Die nächsten beiden Bilder hat Sebah vom Illissos aus gemacht, an dem Flüsschen stand einst ein lieblicher Tempel, der dem Niketempel ähnelte. Er war in eine Kirche verwandelt worden, es war ein echter Amphiprostylos.“



„Warum willst Du denn das nächste Bild nochmal in den Post stellen, das haben wir doch schon gebracht?“

„Es gefällt mir so gut, der Mensch alleine vor der Burg, die so mächtig erscheint, aber in Wirklichkeit ein filigranes Gesamtkunstwerk ist! Außerdem habe ich den Himmel nochmal überarbeitet.“


„Solo variatio delectat, aber meinetwegen. Das nächste Bild von der Akropolis aus hast Du jedoch gut ausgewählt: Es zeigt nicht nur das Hadrianstor und das Olympieion, sondern auch am rechten Bildrand die Gärten am Illissos und die Hügel des alten Stadions, bevor es für die Olympischen Spiele 1896 protzig verwandelt wurde.“


„Immer wieder Dein Hass auf die „Anastelosis“! Aber was ist in Dich gefahren, dass Du mich lobst?“

„Wenn Du, was selten genug geschieht, etwas richtig machst, dann komme ich nicht umhin, dies objektiv festzustellen. Du bist es, der begierig ein Lob für sich daraus zieht. Aber, was ist das denn für ein Bild von Sebah, das kenne ich garnicht“


„Ich würde, setzte ich mich damit nicht Deiner Kritik aus, es als ein Bild von Pascal Pantalone Sebah benennen. Denn ich stelle es mir so vor: Sebah fuhr kurz vor dem Mittagessen von der Akropolis zum Hadrianstor, baute hungrig die Kamera auf und hat sich darum gedrückt, die stürzenden Linien zu korrigieren. Das habe ich nun nachgeholt, dabei habe ich dann noch etwas Vordergrund eliminiert.“


„Man darf Dich nicht mit Bildern und Photoshop allein lassen! Deine Veränderungssucht ist grenzenlos. Das geht nun wirklich zu weit. Da kannst Du mir nicht mit dem Bild von Sander kommen!“

„Ehe Du Dich wieder so aufregst, betrachte lieber die Details. Da ist zum einen das Bestreben von Sebah, seine Bilder baugeschichtlich verwertbar zu machen. Er hat auf dieser Reise ein Metermaß mit herumgeschleppt und es auf den Objekten mit aufgenommen, hier zu Füßen des Mannes auf der rechten Seite des Tores. Auch auf den anderen Aufnahmen von ihm von der Akropolis ist es abgebildet. Hier habe ich es farbig markiert.“


„Jetzt weiß ich auch, warum Du Sebah kurz vor dem Mittagessen wähnst, auch das Pferd seiner Kutsche ist hungrig, ihm ist der Futtersack umgebunden.“


„Eigentlich ist mir das nächste Bild peinlich, es besteht aus ungleichen Teilen. Es war damals üblich, Panoramen vorzulegen. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts wurden in den Metropolen Bauten errichtet, in denen gemalte Panoramen gezeigt wurden, Benjamin hat das in seinem Passagenwerk dargestellt.“

„Das hast Du gelesen?“

„Insoweit ja! Als dann die scheinbare Realität der Photographie um sich griff, mussten die Photographen aber auch die Realität der optischen Gesetze erkennen, eben die Verzerrung der Bilder zum Rand hin. Trotzdem wurden einige Panoramen von ihnen weltberühmt, das von Sebah von Konstantinopel gehört dazu. Aber von dem Rundblick über Athen sind nur wenige Bilder zu greifen. Bild 3 und 4 sind von vorzüglicher Qualität, hinten kann man klar die Salamis sehen. Bild 5 war als kleine Datenmenge greifbar, also habe ich es sepiatisiert, in den Dimensionen angepasst, aber auch die der Bilder 3 und 4 vergröbern müssen.“


„Ausnahmsweise muss ich anerkennen, dass ein anderer Photograph ein ungleich besseres Panorama von Athen gemacht hat, nämlich Paul Baron de Granges. Das haben wir doch auch!“

„Aber es wäre eine Schande, es so zu reduzieren, dass es in die Googlebloglimitierung reinpasst. Dir zum Trost aber habe ich ein Bild vom Illissostempelchen aufgetrieben, er hat den Beginn der Fotografie nicht mehr erlebt.“


„Ich weiß aber, woher Du ihn hast: Er stammt von Heidi, der Bibliothek der Uni Heidelberg, die viele alte Bücher digitalisiert ins Netz stellt und dies, ohne sie mit einem Wasserzeichen zu verunstalten. Das ist eine Ausnahme in Deutschland, wo sie alle anal fixiert sind!“

„Was meinst Du damit?“

„Die Freud´sche Schule meint, dass die erste mögliche Gabe des Menschen an die Welt seine festeren Fäkalien sind bzw. sein können. Das Wunder des austretenden Stuhlganges fasziniert das Kleinkind. Wird dies unterbunden, kann es also nicht sein Häufchen präsentieren oder gar schenken, dann bleibt so ein Mensch sein Leben lang anal fixiert, kann nichts abgeben, wird geizig. Dieser Geiz ist den deutschen Institutionen – eben aber nicht der Heidi – eigen. Wenn Du in Ariadne blätterst, der Bildwebsite des Deutschen Archäologischen Institutes, dann werden alle Bilder mit dessen Sphingen zerstört. Was geschähe denn, wenn irgendjemand die Bilder sich herunterladen würde und sie gewerblich nutzte? Nichts, aber auch garnichts, dem DAI bräche kein Stein aus der Krone, er ist von Anfang an sowieso von der Allgemeinheit finanziert worden. Diese krampfartige Regression auf das Urheberrecht, sofern es denn ihm überhaupt zusteht, legt mir eine andere Auflösung der Abkürzung nahe: Deutsches Anales Institut, man könnte noch e.e. ergänzen, elitär und elfenbeinturmsüchtig.“


„Wie war das mit dem Hass und der Niedertracht?“

Dienstag, 3. April 2012

Preußisches Pre- und Postpaid

1939: der Leiter des Postamtes Stettin will von dem Dienstapparat ein Privatgespräch führen, da er aber ausreichend alimentiert ist und es sich nicht gehört, das Diensttelefon unbezahlt privat zu nutzen, hat er vorgesorgt: Damals war die Post noch eins, also sowohl ein Post- wie Fernmelde -betrieb. Daher hatte er beizeiten einen Block mit 7-Pfennigmarken gekauft, von denen er nach dem Gespräch eine nahm und zerriss. Damit war zum einen die private Nutzung des Diensttelefonats abgegolten, zum anderen aber war dies ohne jeglichen Aufwand geschehen, keine Verbuchung in welchem Haushaltstitel war notwendig. Preußisch sein bedeutete nicht nur Korrektheit, sondern barg in sich auch das Ersparen bürokratischen Aufwandes.

1980: der Präsident des Landgerichtes erhält die Einladung zu einer abendlichen Veranstaltung der örtlichen Sparkasse, die an ihn in seiner Funktion als Leiter des Gerichtes gerichtet ist. Er nimmt teil, wobei er von zu Hause zur Sparkasse fährt, 4 Kilometer hin und 4 Kilometer zurück (nein, diese drei Pfennig durfte der Bub sich nicht behalten, Franz-Josef!). Die Fahrt war zweifellos dienstlich begründet, daher soll sie erstattet werden. Also füllt der Präsident handschriftlich eine Reisekosten-abrechnung aus, es errechnet sich ein Betrag von 2 Fahrten Mal 4 Kilometer Mal 0,36 DM, so schuldet die Staatskasse diesem Mitglied des Hessischen Verfassungsgerichtes 2,88 DM. Nun legt er die Reisekostenabrechnung der zuständigen Rechtspflegerin vor (die sie unter Verletzung des Dienstgeheimnisses Dottore zeigte). Diese genehmigt sie, woraufhin sich der Präsident – wiederum in seiner Dienstzeit – zur damals noch Barzahlung vornehmenden Gerichtskasse begibt, sich dort 2,88 DM auszahlen lässt, um sich anschließend dem zu widmen, was das Land Hessen wohl von ihm erwartet. Die Barauszahlung soll, so der Präsident wörtlich gegenüber der Rechtspflegerin, ihm ersparen, bei der örtlichen Sparkasse, wo er sein Konto unterhält, die Postengebühr in Höhe von 0,50 DM berappen zu müssen, die im Falle einer Überweisung anfiele.

O TEMPORA O MORES!