Montag, 3. März 2025

Aufruf an Mitglieder der CDU

 


Wer von seinen Parteifreunden (wobei angesichts der merkelschen 

Vernichtung fraglich ist, ob die Mitgliedschaft in der CDU automatisch 

Freundschaft begründet) sagt denn dem präsumtiven Bundeskanzler, 

dass das Zeigen der sog. Merkelraute nicht existentiell notwendig ist, 

um das Amt auszufüllen? 

Montag, 17. Februar 2025

Kleinasien 1958


In diesem Jahr fuhr eine Gruppe von 36 Schülern aus Roulettenstadt selbst organisiert nach Griechenland. Manche nutzten die Gelegenheit, um auch der anderen Seite der Ägäis einen Besuch abzustatten; bildungsmäßig bemäntelt, um Ionien und besonders Troja aufzusuchen. Man musste von Chios nach Cesme übersetzen und tauchte unversehens in eine bis dato völlig fremde Kultur ein. Dottore, dem mit elf Jahren die Religion abhanden gekommen war, hatte zuvor einen eher ethnographischen Blick auf außerchristliche Religionsausübung verbunden mit dem europäischen Hochmut, das Christentum sei als abendländischer Kulturbestandteil natürlich höchststehend. Wie erstaunt war er, als er bei den Gebetsgottesdiensten in den Moscheen feststellen musste, dass diese Religion auf jegliche Art von Opfer verzichtet. Ihm kam zu Bewusstsein, der Islam ist eben 600 Jahre jünger, kommt also ohne das atavistische Opfer aus, die Gottheit ist nicht mit Gaben zu bestechen.

01 Izmir Sadirvanalti Cami

Erstmalig besuchte Dottore einen orientalischen Basar in Izmir, den Kemeralti. Die Welt eines Basars erläutert am besten ein Geschehen, das sich mehr als 60 Jahre später in eben diesem Verkaufsmarkt ereignete:  Dottore wollte zu den schon vor langer Zeit gekauften Teegläschen Untersetzer kaufen. Die von ihm gewünschte Art - eine in der Türkei landläufige - besteht aus Porzellan und ist mit blauen bzw. roten radialen Streifen verziert. Der Händler, bei dem wir zwölf Stück erwerben wollten, hatte derartige aber nur aus Plastik. Nachdem wir unsere verbindliche Verkaufsabsicht bekundet hatten, eine Einigung über den Kaufpreis erzielt war, bat uns der Verkäufer um eine kurze Wartezeit und rannte los. Bei einem Mitbewerber erstand er die 12 Untersetzer und diese konnte er uns nun verkaufen. Zu schrecklich wäre es für ihn gewesen, das Geschäft mit uns nicht getätigt zu haben. Kein gemeindeutsches Einzelhändlergeplapper: "Ham wer nich" oder "Muss ich erst bestellen" hört man, sondern der unbedingte Willen zum Geschäft treibt die dort handelnden Menschen an, selbst wenn die Marge gering ist. 

02 Izmir Kemeralti 1

Seit dieser Aufnahme hat sich zweierlei geändert: Zum einen weiß Dottore, welche Köstlichkeit Kelle Paca Corbasi (Schafskof- und Beinesuppe) ist, wie denn den Türken Essen, insbesondere Suppen, sehr wichtig ist, so hatten sie im osmanischen Heer einen Offizier, den Corbaci, der für die Versorgung der Mannschaften mit guter und ausreichender Nahrung verantwortlich war, kein simpler Küchenbulle aus dem Unteroffiziersstand. Weiterhin ist den sich einstellenden hygienischen Bedenken seit langem Rechnung getragen, die Frontseite der Metzgerläden besteht heutzutage in der Türkei aus einem riesigen Kühlschrank, der zur Straßenseite hin aus Glasscheiben besteht, um den Passant mit dem Blick auf die Ware anzulocken.

03 Izmir Kemeralti 2

Die Übernahme der römischen Ziegelbautechnik vollzog sich in Kleinasien eigentlich nur in dessen westlichem Teil, in den sich östlich anschließenden Landschaften beharrte man auf den Errungenschaften der Hellenisierung, benutzte also in Fortführung griechischer Bauweise weiterhin behauene Steine.  Das große Heiligtum für ägyptische Götter entging der Umwandlung in eine Basilika nicht, unter ihr rauscht weiterhin der überbaute Selinus.

04 Pergamon Rote Halle

Was im Asklepieion geschah, hat ein Kundiger einmal mit der Mischung aus Lourdes und Wörishofen beschrieben, also zum einen Kult um den Heilgott und andererseits nie gänzlich falsche Wasserkuren. Einer, der sich dort in römischer Zeit länger aufhielt, war der sich selbst überschätzende Aelius Aristdides, gerne und langwierig krank. So lungerte der wohlhabende Aelius - Heilgeld zahlend - lange in Kur dort, wo es auch Tempel, Bibliothek, Stoa und Theater gab, um den dort Weilenden das Dasein angenehm zu gestalten. Modern würde er von ärztliche Seite aus als "zur verstärkten Selbstbeobachtung neigender Privatpatient" bezeichnet werden, aber durch seine Berichte wissen wir mehr über die dortigen Abläufe. Ob es auch "Kurschatten" gab?

05 Pergamon Asklepieion

Selbstverständlich hatte Dottore Karl May gelesen, insbesondere die ersten sechs Bände. So war ihm beim Anblick des Han sofort klar, das ist eine Karawanserei! Und er beging das, was man als Sakrileg beim per-Anhalter-Fahren bezeichnen könnte, er veranlasste die ihn nach Bursa Mitnehmenden zu einem Stopp, um das Bauwerk zu besichtigen. Die waren jedoch geduldig (und wohl stolz auf das Vorzeigen eines Gegenstandes, der mit der Geschichte ihrer Vorfahren verbunden ist). So sind denn auch Fahrer und Beifahrer mit abgebildet. Erst Jahrzehnte später konnte Dottore den Namen des Han in Erfahrung bringen und weiß nun, dass er einer der am weitesten im Westen liegende ist.
     
06 Issiz Han

Das Bild 07 ist schon einmal in diesem Blog gezeigt worden nebst eines entschiedenen Kommentars zu der gewechselten Ausrichtung der Besucher. Daher hier nun nichts weiter mehr, nur der Hinweis auf Sebah 12 und Bursa aus dem Jahre 2012.

07 Bursa Pirinc Han 1
08 Bursa Pirinc Han 2
09 Bursa Pirinc Han 3
10 Bursa Pirinc Han 3 Medrese

Die Ulu Cami in Bursa hat Pascal Sebah schon so perfekt aufgenommen, dass sich die Aufnahme dieses Bildes geradezu als eine Belästigung darstellt. Dottores nostalgistische Emotion siegt über sein Mitteilungsbedürfnis.   
11 Bursa Ulu Cami

Seit damals bis heute legt Dottore nach Durchsicht seines Geldbeutels das Kupfergeld in einem kleinen Henkelbecher ab, den er damals in dieser Gasse der Kupferschmiede erworben hat. 

12 Bursa Straße der Kupferschmiede

Auch Bild13 ist schon einmal in diesem Blog gezeigt worden, es wird nur der Vollständigkeit halber  hier nochmals gezeigt. Es bleibt nur übrig, den Hinweis auf Sebah 12 und Bursa aus dem Jahre 2012 zu wiederholen.

13 Bursa Türkisches Wohnviertel

Der Einbettung dieses Bildes ist ein langandauernder Streit zwischen den Protagonisten dieses Blogs vorausgegangen,  Einigkeit herrschte dabei, es sei unscharf, jedoch durch den Farbklecks der Stockrose farblich akzeptabel. Daher war Pantalone der Meinung, es könne als Erinnerungsposten an die Farbgebung der Diafilme der 1950er Jahre publiziert werden, während Dottore seine Abneigung gegen unscharfe Bilder aktivierte. Letztlich gab das Argument von Pantalone den Ausschlag, er rede auch nicht in die Textgestaltung von Dottore rein, also müsse der auch die Bildauswahl von Pantalone ertragen. 
 
14 Bursa Yesil Cami

Diese ägyptischen Bratenspießchen haben schon einen erheblichen Nimbus, fast jede Metropole der Neuzeit schmückte sich mit einem derartigen Mitbringsel. Der Transport war immer schon mühsam; seit der Papst den vor der Lateranbasilika aufstellen ließ, gilt dies als technische Meisterleistung. Theodosius hingegen ordnete es an, es wurde gemacht, wobei der riesige Stein seitdem auf vier Bronzewürfel ruht. In der Spätantike war man gelassener als 1200 Jahre später, am 10.09.1580 (in Rom). 

15 Konstantinopel Theodosianischer Unterbau

Die Feuerwehr in Istanbul war im 19. Jahrhundert offensichtlich eine beliebte Kuriosität, die oft abgelichtet wurde. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere nach dem Großbrand von 1908, wurde dort eine Institution aufgebaut, die außertürkischen Maßstäben nahekam. Schöpfer der Feuerwehr in Konstantinopel war ab 1874 der langjährige Leiter der ungarischen Feuerwehrorganisation, Graf Edmund Stephan Széchenyi (1839-1922), der die Feuerbrigade strikter militärischer Disziplin unterwarf und dafür sorgte, dass sie zum Kriegsministerium ressortierte. Er wurde im osmanischen Reich Zecheny Pascha genannt. Gleichwohl brannte im Jahre 1918 wieder ein Großteil der hölzernen Wohnhäuser ab, Grund genug, die Unterhaltung dieser Bauten nicht zu forcieren

16 Istanbul Holzhäuser

Die Fragwürdigkeit der Mitteilung schon als "alt" zu bezeichnender Bilder in subjektiver Hinsicht, also aus dem Blickwinkel des Fotografen, ergibt sich daraus, dass der Bildautor dabei schmerzlich erfährt, dass er schon museal geworden ist. Natürlich kann Dottore sich noch an die Aufnahmesituation (nahe Taksimplatz) erinnern, die Straßenbahnlinie gibt es auch noch, nur eben heute als Museumsbahn, jedoch nicht so vollgepfropft.  

17 Istanbul Straßenbahn

Im August 1958 bestand wieder einmal eine "Zypernkrise", Grund für zwei Mütter der 36, ihre Söhne per Telegramm zur umgehenden Rückfahrt aufzufordern, was souverän (und berechtigt) missachtet wurde. Die Krise tobte sich im Istanbuler Gemüsemarkt aus. 

18 Istanbul Nationalistische Wassermelone

Gekonnt eingefügt, so, als gehöre sie schon immer dazu, haben die Eroberer Konstantinopels die Festung Yedikule in die Landmauer. Sie wurde unter hoheitlicher Missachtung des sich ausbildenden Völkerrechtes im Osmanischen Reich gern benutzt, um Botschafter derjenigen Staaten einzusperren, die gerade unbeliebt waren. 1958 waren alle Pflanzen im Innern vollkommen mit Schnecken übersät.

19 Istanbul Yedikule

Sechs der 36 hatten sich in Istanbul verabredet und  trafen sich auch pünktlich, sage da niemand etwas gegen Zuverlässigkeit unserer damaligen Form des Reisens, eben per Anhalter. Ohne den begriff des Urlaubs auch nur zu denken, machten wir den für drei Tage am Schwarzen Meer in Kilios. Nach der Umgehung der Festung mittels eines Marsches durchs Meer, schliefen wir nicht auf, sondern neben Kanonen, wir waren doch auch keine Soldaten.

20 Kilios Kap Kasak Burnu
21 Kilios Kurt hängt in Unterhose Wäsche auf
22 Kilios Fünf von den Sechs leben noch 








Samstag, 8. Februar 2025

 Kleinasien 1962

Als ich endlich 16 Jahre alt wurde und Moped fahren durfte, da empfand ich das Unverständnis der Erwachsenen über meine Begeisterung blöd, ihren Zorn über die Lärmbelästigung übertrieben. Als Erwachsener dachte ich Ähnliches, wenn ich Rentner oder Pensionäre klagen hörte, man käme zu rein gar nichts. Es stimmt aber, seit Jahren habe ich den Blog vernachlässigt, weil eben so viel anderes ansteht. Bis zu meinem 104. Lebensjahr werde ich wohl die am meisten dräuenden Sachen bewältigt haben, aber wer weiß, bestimmt ist Neues, Wichtiges hinzugekommen und es ist immer noch nicht alles erledigt, wahrscheinlich aber nur ich selbst. Dabei hat Pantalone fleißig und akkurat - bis auf einige nicht mit Photoshop gefegte Himmel - die Bilder seit langem aufbereitet, nur ich kam mit dem Textverfassen nicht nach. Auch kann ich mich nicht auf irgendeine letargie covidienne berufen, es war halt anderes zu machen. 
[Exkurs: Da der Text vor längerer Zeit begonnen wurde und ihn Pantalone gelesen hatte, fühlte er sich provoziert und hat sich als Reiniger der Bilder betätigt. Denn die Dias wurden nicht gescannt, sondern abfotografiert, daher also ohne Scansoftware behandelt.]
Damit nun nicht weiter wenig geschieht, kommen die Bilderserien nunmehr ohne Text, optisch ist sowieso plausibler als schriftlich - der Betrachters ist weitgehend passiv, der Leser muss schon ein Mindestmaß an Aktivität aufbringen. Der Hiatus zwischen den Jahresbildern (1962, 1963 - 2015ff.) ist nicht durch fehlende Reisen, sondern durch die Lästigkeit und damit das Unterlassen des Bilder-scannens bedingt. 
 
01 Edirne
02 Istanbul 2
03 Istanbul 3
04 Istanbul 4
05 Istanbul 5
06 Am Bosporus
07 Topkapi Saray
08 Troja
09 Assos
10 Karawane nahe Bergama
11 Kamel vor Asklepieion
12 Izmir Agora
13 Sultaninentrocknung im Hermostal
14 Sardes Tempel
15 Sart Dorfpumpe
16 Kula Vulkan
17 Bus Izmir - Konya
18 Konya Schuhputzergarde
19 Konya
20 Aspendos Skenengebäude
21 Perge
22 Antalya Hafen
23 Straße Antalya - Burdur
24 Hierapolis
25 Ephesos Artemistempel
26 Ephesos Sog. Hadrianstempel
27 Piginda Mosaik
28 Milet
29 Didyma Löwe
30 Didyma Tempel Sekos
31 Didyma Tempel Treppenhausdecke
32 Bodrum Englisch-gotische Kirche
33 Idyma Felsgrab
34 Blick auf Marmaris

Natürlich wäre es möglich, zu jedem Bild eine Geschichte zu erzählen, die Dottore kurzweilig vorkommt, aber in Wirklichkeit nur eine uralte Tramperschote ist (umgangsprachlich für: Anekdote aus dem Dasein eines Menschen, der per Anhalter reist). Da Pantalone mault, er habe soviel Bilder aufgearbeitet, nun könne Dottore nicht leicht davonkommen, ohne Text abzusondern; nun doch eine, aber zu einem weiteren Bild:
Plan von Ephesos mit Poststempel

Zu sehen ist der Plan von Ephesos in einem uralten Reiseführer nebst eines Poststempels vom 29.08.1962 und der handschriftlichen Eintragung des Ortes der Hauptpoststelle in Selcuk. Und das kam so: Im Gegensatz zu heute, wo jährlich über 5 Millionen Menschen Ephesos besuchen, war der Publikumsverkehr damals eher spärlich. Der am Ausgrabungsort tätige Mitarbeiter der Post hielt offenbar Ausschau nach Menschen, die er als deutschsprachig einschätzte. So fiel sein Augenmerk auf den jugendlichen Dottore, den er um Hilfe bat. Er habe sich in eine Österreicherin verliebt, die ihm - so deutete er es diskret an - wohl ihre Gunst erwiesen hatte. Nun wolle er ihr schreiben, könne aber solch einen Brief nicht verfassen, seine Deutschkenntnisse seien zu gering dazu. Er hatte einen Entwurf, der hölzern und gestelzt war. So setzte sich also Dottore hin und schrieb dem schmachtenden Postmeister den ersehnten Liebesbrief verbunden mit der Auflage, ihn gänzlich wenigstens selbst abzuschreiben. Den überschwänglichen Dank kanalisierte Dottore in den Stempeldruck auf den Plan und eifrig markierte der Postmensch die Stelle, wo er im Winter amtierte. Das Verfassen des Briefes geschah am Fuß des Hügels, an dem später dann die Hanghäuser ausgegraben wurden. 

Damals wie heute gibt es wenige Verbindungen zwischen den griechischen Inseln und dem kleinasiatischen Festland, 1962 war ein Übersetzen nur zwischen Chios und Cesme sowie Rhodos und Marmaris möglich. In Marmaris traf Dottore erst ungefähr drei Wochen später ein. 1962 war es selbstverständlich, dass alle Fremden in Kleinasien miteinander sprachen, wenn sie sich zufällig trafen. So lernte Dottore während der Wartezeit auf die Fähre ein Pärchen kennen, wobei der männliche Part angab, Germanistikstudent zu sein. Er konnte erzählen, er habe in Aspendos zwei amerikanische Fotografen getroffen, einer groß mit rotem Bart, der andere ziemlich klein. So erfuhr Dottore, dass die beiden Männer, die ihn von Troja über Pergamon bis Izmir mehrere Tage lang mitgenommen hatten, wobei der VW einen Getriebeschaden erlitt, nun wieder ein repariertes Auto hatten. Als Schmankerl erwähnte er, er habe einem Mitarbeiter der Post in Ephesos einen Brief schrieben sollen. Hier nun fiel Dottore ein: Du willst Germanistikstudent sein und schreibst solch einen miesen Brief! Beschämt wandte er ein, er habe unter Zeitdruck gestanden, räumte aber ein, sein Entwurf sei wirklich nicht gut gewesen. 

Folgen: 
Die Österreicherin wird auf den Brief hin ihre für sie lockere Urlaubsbekanntschaft nicht intensiviert haben. Der Germanistikstudent ist als verdienter Oberstudienrat schon lange pensioniert. Dottore ist eine uralte Schmonzette losgeworden. Der Leser hat wenige Minuten seines Dasein mit der Lektüre einer Überflüssigkeit verbracht.